Ob sie das Geräusch in ihren Träumen heimsuchen wird? Dieser dumpfe Schlag, als die Tür verschlossen wurde? Sie werden es erzählen, wenn sie wieder draußen sind, nach 520 Tagen.

So lange wollen sechs Männer in einem Containerkomplex auf dem Gelände des Instituts für Biomedizinische Probleme in Moskau ausharren. In ihrer rund 180 Quadratmeter großen Welt sollen sie vom 3. Juni an einen Flug zum Mars simulieren : 250 Tage hin, 30 Tage Forschungsarbeit "vor Ort", 240 Tage zürück. Die Wissenschaftler auf der anderen Seite der Tür wollen herausfinden, was in ferner Zukunft auf die Besatzung einer Marsexpedition zukommt, physisch und psychisch.

Anfang Mai wurden die beiden Probanden vorgestellt, die im Auftrag der europäischen Raumfahrtorganisation Esa die Himmelsreise auf russischem Boden antreten. Es sind der 31-jährige Franzose Romain Charles und der 26-jährige Italiener Diego Urbina, der aus Kolumbien stammt. Weiterhin werden drei Russen und ein Chinese dabei sein. Von den weiblichen Kandidaten hat es keine bis in die Endrunde geschafft.

Die Crew erwartet normale Astronautenarbeit, etwa das Überwachen der technischen Systeme und der Gesundheit des Teams. Fünf Tage pro Woche soll gearbeitet werden, in wechselnden Schichten, um eine 24-Stunden-Bereitschaft sicherzustellen. Für die freien Tage dürfen die Raumfahrer am Boden Bücher, DVDs und Laptops mit an Bord nehmen.

Auch Gespräche mit Familie und Freunden wird es geben. Vor allem gegen Ende des Hinflugs, kurz vor dem Mars, werden die Unterhaltungen ziemlich zeitaufwendig sein: Die Funksignale gehen dann mit 20 Minuten Verzögerung hin und her, so wie es bei einem richtigen Marsflug zu erwarten ist.

Zuweilen wird es aber auch sehr hektisch zugehen. Notfallsituationen sind fester Bestandteil des Experiments, mit dem man auch herausfinden möchte, welche Persönlichkeitstypen am besten für so einen Flug geeignet wären. Vielleicht geht die Wasserversorgung kaputt. Oder die "Landekapsel" – ein separater Raum, den drei der Männer zur Halbzeit für 30 Tage aufsuchen sollen - lässt sich nicht wieder ans Mutterschiff andocken. Schiefgehen kann viel. Vielleicht wird auch ein Raumfahrer ernstlich krank. Besonders schwierig, wenn es ausgerechnet das Teammitglied mit medizinischer Fachkenntnis trifft.

Um solche Schwierigkeiten zu bewältigen, werden derzeit in Moskau alle Kandidaten von Experten der Mainzer Uniklinik in Notfallmedizin geschult. Dazu gehört der Umgang mit der Infusionspumpe, um Medikamente rasch in den Körper zu bringen. Denn eine gewöhnliche Infusionsflasche würde auf der Marsreise nicht funktionieren, es fehlt die Schwerkraft. Auch die Herzdruckmassage erfordert besondere Vorkehrungen: festbinden. Andernfalls würden sich Helfer und Patient in der Schwerelosigkeit gegenseitig durch das Raumschiff schicken und der Herzmuskel würde kaum stimuliert.

Während der 520 Tage währenden Isolation sind umfangreiche Tests geplant. Der Berliner Weltraummediziner Hanns-Christian Gunga und sein Team wollen zum Beispiel überprüfen, wie sich die Körperkerntemperatur in dieser besonderen Situation verändert. Denn die schwankt als Teil des Inneren Tagesganges, des zirkadianen Rhythmus, um etwa 0,5 Grad Celsius im Lauf von 24 Stunden.