Frage: Frau Fless, wie öffentlich muss Archäologie sein? Der amtierende Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts , Joachim Gehrke, den Sie im April 2011 ablösen, agiert unauffälliger als sein Vorgänger Hermann Parzinger, der mit der aufwendig inszenierten Skythen-Ausstellung Furore machte. Was planen Sie?

Friederike Fless: An solchen großen Ausstellungen muss sich eine Institution wie das DAI einfach beteiligen. Mit meinen Kollegen vom Exzellenzcluster Topoi , an dem das DAI ja auch beteiligt ist, bereite ich eine Ausstellung für 2012 vor. Es wird um Raumvorstellungen und Weltkonzepte in der Antike gehen. Joachim Gehrke ist beteiligt an einer großen Schau zu Olympia, die ebenfalls 2012 im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird.

Frage: Wohin soll es unter Ihrer Leitung für die Archäologie gehen, wollen Sie neue Perspektiven und Gebiete erschließen?

Fless: Entscheidend ist, dass wir in den Altertumswissenschaften und in der Archäologie immer komplexere Fragen stellen, die wir nur aus verschiedenen Disziplinen heraus gemeinsam beantworten können. Eine zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre wird sein, die Komplexität dieser Fragen zu beantworten. Beispielsweise plant die Antikensammlung 2011/12 eine Pergamon-Ausstellung. Dafür hat das DAI, das die Grabungen in Pergamon durchführt, neue Daten generiert und ein 3-D-Modell des Burgberges erstellt, an dem architektonische Veränderungen nachvollzogen werden können. Wir visualisieren auch Veränderung der Landschaft. Wenn die Universitäten, die Staatlichen Museen und das DAI bei solchen Projekten intensiv zusammenarbeiten – das ist für mich das Ideal.

Frage: Wo steht Berlin heute im internationalen Vergleich in den Altertumswissenschaften?

Fless: Durch das Zusammenkommen der großen Museen, des DAI und des Exzellenzclusters Topoi, werden wir jetzt international als der zentrale Ort der Altertumswissenschaften wahrgenommen. Und als ein wirklich attraktiver Ort. Bislang hat Topoi mehr als 100 Wissenschaftler aus dem Ausland eingeladen, das DAI macht ganz ähnliche Dinge über Stipendien und Summerschools.

Frage: Wie sehen Sie es als ausgewiesene Wissenschaftsmanagerin: Ist die Wandlung des DAI zu einem Forschungsinstitut des 21. Jahrhunderts abgeschlossen?

Fless: Das Ziel der frühen großen Grabungen des 19. Jahrhunderts war es eher, antike Objekte und Architekturen zu bergen und zu sichern. Heute beantworten wir Fragestellungen zur Dynamik gesellschaftlicher Entwicklungen in antiken Kulturen. Wir wollen verstehen, wie der Mensch in der Umwelt agiert, wie sich die Umwelt verändert, wie es zu technologischem Fortschritt kommt. Diesen Fragen stellt sich auch das DAI in seinen Forschungsclustern, die in den letzten Jahren geschaffen wurden. Dies werde ich weiterentwickeln: über zentrale Grabungsprojekte, die helfen, übergreifende Fragestellung zu beantworten, die die Menschen interessieren. Es geht um Fragen, die auch für uns heute relevant sind. Wann wurden Kulturen sesshaft, wie veränderten sie sich, wie hat man Plätze von Herrschaft und Macht ausgebaut? Wie in der Antike Landschaften nachhaltig genutzt wurden, sieht man etwa an den Überresten des Wassermanagements im Sudan. Diese antiken Systeme sind so perfekt, dass man sie heute geradezu reaktivieren könnte.