So gut wie derzeit war das Weltraumwetter seit mehr als 100 Jahren nicht mehr. 803 Tage ohne einen einzigen Sonnenfleck hat Sami Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung im niedersächsischen Katlenburg-Lindau bis zum 16. Juli gezählt. Das ungewöhnliche Minimum der Sonnenaktivität dauert bereits 30 Monate an, sagt Mausumi Dikpati vom US-Zentrum für Atmosphärische Forschung (NCAR) in Boulder , Colorado. Und damit ist es bereits jetzt ein ganzes Jahr länger als das Minimum am Ende des letzten Sonnenzyklus im Jahr 1997.

Die außergewöhnlich geringe Aktivität unseres Zentralgestirns und deren Auswirkungen auf das irdische Leben war eines der Themen am Eröffnungstag des weltgrößten Kongresses für Weltraumforschung , der diese Woche in Bremen stattfindet. Mehr als 3000 Wissenschaftler aus 57 Ländern sind der Einladung des Committee on Space Research (COSPAR) gefolgt, 4500 Vorträge, Präsentationen und Diskussionsforen stehen in dem 450seitigen Programmheft.

Neben astronomischen Themen gehören die Erdbeobachtung aus dem All und die Auswertung laufender Raumfahrtprojekte zu den Schwerpunkten des Kongresses. Natürlich fehlen auch neue Erkenntnisse zum Klimawandel und der isländischen Vulkanaschewolke nicht.

Die europäische Raumfahrtagentur Esa nutzt die Veranstaltung, um die Entwicklung eines eigenständigen europäischen Systems für die Erfassung der aktuellen Weltraumlage (Space Situation Awareness, kurz SSA) vorzustellen. Die Beobachtung der Flugbahnen erdnaher Asteroiden und Kometen gehört ebenso dazu wie die detaillierte Erfassung aller 800 aktiven Satelliten und eines möglichst großen Teils des Weltraumschrotts , der die Erde umkreist. Bisher haben die USA ein weitgehendes Monopol auf diese Daten. Die US-Weltraumbehörde Nasa und die Air Force stellen sie ausländischen Nutzern zwar zur Verfügung, allerdings nicht in voller Qualität.

Das gleiche gilt für die Beobachtung von Sonnenaktivität und kosmischer Strahlung. Deren Schwankungen bestimmen das sogenannte Weltraumwetter. Und das ist keineswegs nur von wissenschaftlichem Interesse. Mehrere Dutzend Satelliten fallen jedes Jahr für kürzere Zeit und in seltenen Fällen sogar komplett aus, wenn sie einem übermäßigen Beschuss hochenergetischer kosmischer Partikel ausgesetzt sind. 1989 hatte ein besonders starker Sonnensturm die Stromversorgung im kanadischen Bundesstaat Quebec für neun Stunden lahm gelegt. Außeneinsätze an der Internationalen Raumstation können für die Astronauten bei extremem Weltraumwetter sogar lebensgefährlich werden.

In 20 Jahren wird das Weltraumwetter gut vorhersagbar sein

Raumfahrtagenturen und Luftfahrtkontrollzentren, Telekommunikationsunternehmen, Betreiber von Satelliten, Strom- und Gasnetzen und auch das Militär haben großes Interesse nicht nur an der schnellen Erfassung ( Nowcasting ), sondern auch an einer möglichst zuverlässigen Vorhersage ( Forecasting ) des Weltraumwetters. Wenn sie empfindliche Elektronik rechtzeitig abschalten oder Satelliteninstrumente aus der Richtung des Partikelstroms herausdrehen, können sie größeren Schaden verhindern. Sogar Reiseveranstalter interessieren sich für das Weltraumwetter. "Eine Vorhersage besonders schöner Nordlichter ist bereits drei bis vier Tage im Voraus möglich", meint Gerhard Drolshagen vom SSA-Projekt der Esa, "das klappt nicht immer, aber immer besser".

In 20 Jahren, davon ist Drolshagen überzeugt, wird die Vorhersage des Weltraumwetters zuverlässiger sein als die Prognosen der Meteorologen über das Wetter auf der Erde. Der Grund dafür liegt in der Physik. Während sich beim Wettergeschehen in der Atmosphäre so viele verschiedene Faktoren gegenseitig beeinflussen, dass kleine Ursachen an einer Stelle schon nach wenigen Tagen große Veränderungen an ganz anderer Stelle erzeugen können, spielen Wechselwirkungen beim Weltraumwetter kaum eine Rolle.

Für eine gute Vorhersage reicht es aus, die Sonnenaktivität genau zu beobachten und die Partikelströme mit ausreichendem Abstand von der Erde zu messen. Das optische Bild einer Sonneneruption erreicht uns bereits nach achteinhalb Minuten, die dabei herausgeschleuderten Partikel brauchen für den 150 Millionen Kilometer weiten Weg dagegen je nach energetischer Ladung eine knappe Stunde bis zu mehreren Tagen und können unterwegs auch noch von Satelliten erfasst werden, die zwischen Erde und Sonne kreisen.

Davon gibt es bisher allerdings nur sehr wenige, und über das Geschehen auf der Rückseite der Sonne ist überhaupt nichts bekannt. Nach Abschluss der ersten Phase des SSA-Programms, in der vor allem vorhandene Daten gesammelt und aufbereitet werden, will die Esa ab 2012 neue Messinstrumente ins All schießen.

Auch an längerfristigen Prognosen der kosmischen Aktivität hat sich die Wissenschaft bereits versucht. Allerdings mit enttäuschendem Ergebnis, wie Mausumi Dikpati auf dem COSPAR-Kongress zugab. Vor vier Jahren hatten Forscher auf Grundlage von Modellrechnungen angekündigt, dass der aktuelle Sonnenzyklus 2007 beendet und der Nachfolgezyklus schnell auf ein neues Aktivitätsmaximum zusteuern werde. Davon kann bisher keine Rede sein. Im langfristigen Vergleich ist das seit zweieinhalb Jahren ungewöhnlich ruhige Weltraumwetter allerdings keineswegs außergewöhnlich. Das Maunder-Minimum im 17. Jahrhundert dauerte fast 70 Jahre lang.