Manchmal hat totale Isolation auch Vorteile. Während Moskau unter einer historischen Hitzewelle und giftigem Qualm von den verheerenden Wald- und Torfbränden leidet, leben sechs junge Männer in einem abgeschlossenen Container in der Hauptstadt bei konstanten 22 Grad. Die drei Russen sowie ein Chinese, Italiener und Franzose simulieren seit mehr als zwei Monaten einen Flug zum Mars und zurück. Insgesamt sollen sie 520 Tage – rund 15 Monate – unterwegs sein. So lange würden Raumfahrer für solch eine Reise vermutlich benötigen.

"Keiner von denen will schon raus", sagt Peter Gräf, der Projektleiter beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR). Alle sechs seien begeistert dabei. Mittlerweile haben sich zwar erste Routinen entwickelt, doch der italienische Teilnehmer Diego Urbina etwa träumt noch immer von Menschen außerhalb der Kapsel, wie er über Twitter schreibt. Auch sonst scheint es in der freiwilligen Isolationshaft heiter zuzugehen. So schauten die Raumfahrer etwa die Fußballweltmeisterschaft. Unmöglich auf einer tatsächlichen Reise zum Mars – zumindest wenn das Spiel live übertragen werden soll.

Das "Raumschiff" der sechs Crewmitglieder ähnelt dann auch mehr den Containern von Fernsehshows wie Big Brother . Überall hängen zudem Kameras in dem heimeligen Hauptraum, der mit seiner Holzverkleidung fast an eine kleine Datsche erinnert. Die Videoüberwachung dokumentiert rund um die Uhr, ob die Probanden die insgesamt 100 Forschungsprojekte auch wirklich durchziehen. Elf Experimente haben sich deutsche Raumfahrtexperten ausgedacht. Von den ersten Resultaten sind die Forscher begeistert. "Das ist gigantisch, wie die Jungs mitmachen", sagt Jens Titze von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Mediziner hat mit seinem Team den Nahrungsplan für die Marsreise ausgetüftelt. Jede Mahlzeit steht schon lange im Voraus fest. Alle würden das essen, was auf dem Speiseplan steht, und auch immer vorbildlich an die regelmäßigen Urinproben denken, berichtet der Wissenschaftler. Er will überprüfen, welche Auswirkungen der Anteil von Kochsalz im Essen auf den Bluthochdruck hat. Moderne Technik macht aus den sechs Teilnehmern also auch gläserne Patienten.

Crewmitglied Diego Urbina stellt den Marscontainer vor und führt durch die kleinen Räume. Weitere Folgen des Videotagebuchsfinden Sie hier.

"Mars 500 ist das schwierigste Experiment in der Geschichte der Raumfahrt", sagt Oliver Twickel über das Projekt. Der Bundeswehr- Hauptmann spricht aus Erfahrung. Vor gut einem Jahr verbrachte er selbst 105 Tage unter Beobachtung im Moskauer "All". Niemand weiß, ob die Probanden die lange Isolationszeit ohne einen Containerkoller überwinden. Noch stehen den Raumfahrern mehr als 450 Tage bevor. "Die Erfahrung steigt, gleichzeitig sinkt aber die Motivation, da man alle Arbeiten schon vielfach gemacht hat", sagt Twickel über seine eigene Zeit in der Kapsel. Derzeit halten psychologische Tests und körperliche Experimente die Besatzung auf Trab.

"Nach dem Aufstehen haben alle vier oder fünf Aufgaben zu erfüllen, bevor es Frühstück gibt", schreibt das französische Besatzungsmitglied Romain Charles in einem Tagebucheintrag auf der Seite des Mars-500-Projekts der Europäischen Weltraumbehörde Esa. Die Freizeit ist gering – und bietet dennoch Chancen. So unterrichtet Wang Yue seinen Kompagnon Charles in der komplizierten chinesischen Kalligraphie.

Vor Kurzem hatte Charles Geburtstag. Die sechs Männer feierten mit aufgetautem Kuchen und Pulverwein. Eigens lud die "Bodenstation" im Moskauer Institut für biomedizinische Probleme eine in Moskau lebende Freundin von Charles ein, die ihm am Telefon in seiner Muttersprache gratulierte. "So etwas ist jetzt nicht mehr möglich", sagt der Projektleiter Gräf. Denn die Kapsel hat – zumindest in der Simulation – die Zone verlassen, in der Sprachkontakt möglich ist. Immer länger dauert es nun, bis eine Nachricht bei den Betreuern ankommt – schließlich benötigt ein Signal mit Lichtgeschwindigkeit 20 Minuten vom Mars, der etwa 200 Mal weiter entfernt ist von der Erde als der Mond.