Anfang der siebziger Jahre fotografierten die   Panoramakameras der Apollo-Missionen die Mondoberfläche. Sie offenbarten Krater und Schluchten – und sogenannte lobat e scarps , auch tektonische Überschiebungen genannt, in der Nähe des Äquators. Diese geologischen Formationen ähneln einem Treppenabsatz in der Landschaft und helfen Geologen, die jüngste Geschichte des Mondes zu rekonstruieren.

Doch die Apollo-Aufnahmen deckten nur rund zwanzig Prozent der Mondoberfläche ab. Wichtige Informationen blieben verborgen. Bis heute: Wie ein internationales Wissenschaftlerteam nun herausgefunden hat, ist das gesamte Mondgesicht von den Falten gezeichnet. Die Strukturen verraten Neues über die Vergangenheit des Erdtrabanten – und sie lassen vermuten, dass der Mond geologisch aktiver ist, als bisher angenommen.

"Es ist absolut aufregend, dass wir so viele dieser lobate scarps gefunden haben – einige davon sogar an den Polen", sagt Thomas Watters , Geologe am Smithsonian Institut in Washington und Autor der in Science veröffentlichten Studie. Fotografiert hat die Formationen diesmal eine Kamera an Bord des Lunar Reconnaissance Orbiters (LRO) der Nasa. Im Juni 2009 war die Sonde zum Mond gestartet. Sie soll den Erdtrabanten auf einem vergleichsweise niedrigen polaren Orbit in einer Höhe von 30 bis 50 Kilometer umkreisen und wird noch mindestens weitere zwei Jahre Daten sammeln.

Eine der neu entdeckten Falten im Mondgesicht: der Gregory-Steilhang

Pünktlich zum vierzigjährigen Jubiläum der Mondlandung hatte die Sonde bereits Aufnahmen der Apollo-Landestellen geschickt, hatte Forscher so geholfen, den lang vermissten russischen Rover Lunochod 2 * aufzuspüren und hatte weitere sichere Landeplätze für künftige Mondexpeditionen gesucht. "Und sie lieferte nun wichtige Bilder von den tektonischen Überschiebungen, sichtbar als Steilhänge auf der Mondoberfläche", sagt die Geologin Carolyn van der Bogert von Institut für Planetologie der Universität Münster.

Insgesamt haben die Forscher auf den Aufnahmen vierzehn Steilhänge entdeckt. Bislang hatten Wissenschaftler solche Formationen nur in der Nähe des Äquators gefunden und es hieß, dass sie aufgrund der Wechselwirkungen zwischen Mond und Erde entstanden sind. "Die Hälfte der neu entdeckten lobate scarps liegt jedoch oberhalb des 60. Breitengrades. Es ist der Beweis, dass die Strukturen überall auf dem Mond verstreut sind und nicht nur in der Nähe des Äquators", sagt van der Bogert. Das unterstütze die Theorie, nach der die eher kleinen Landschaftsformationen durch die Kontraktion des Erdtrabanten entstanden sind.

Das Innere des Mondes kühlt seit seiner Entstehung vor 4,5 Milliarden Jahren konstant ab. Der gesamte Körper ist während dieses Zeitraums geschrumpft, so die Theorie und das hat dazu geführt, dass die spröde Kruste des Erdtrabanten aufriss und durch den hohen Druck charakteristische Landformationen entstanden, die lobate scarps . "Die geologischen Formationen untermauern die These, dass der Mond allein in den vergangenen eine Milliarde Jahren um zirka 100 Meter geschrumpft ist", sagt van der Bogert.