Der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 setzte einen lang angestauten Antisemitismus frei. Juden wurden auf offener Straße gedemütigt, indem sie das Pflaster putzen oder Plakatwände schrubben mussten. "Wir holten uns die bekannten großmäuligen Juden zu einer produktiven Arbeitsleistung heran", brüstete sich ein Beteiligter gegenüber dem Hetzblatt Der Stürmer, "um ihnen den Vorgeschmack auf zukünftige Arbeit beizubringen". Diese "zukünftige Arbeit" wurde in der "Ostmark" bereits im Oktober 1938 Realität, als Zwangsarbeit für Juden. Noch war dies auf Reichsgebiet eine regionale Ausnahme.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich der Arbeitskräftemangel dramatisch. Die Einberufungen zur Wehrmacht rissen immer größere Lücken in die Belegschaften der Betriebe. Mit dem Frankreichfeldzug 1940 und erst recht mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 verschärfte sich der Mangel jeweils sprunghaft. Nach dem Scheitern der Blitzkrieg-Strategie vor Moskau musste sich die Wehrmacht auf einen lang dauernden Krieg einrichten – und die Kriegsproduktion im Deutschen Reich auf entsprechende Produktionsziffern trimmen.

Ab Frühjahr 1942 rollten täglich Transportzüge mit Tausenden von Männern und Frauen vor allem aus den besetzten Ostgebieten nach Deutschland, wo sie Produktionsstätten und landwirtschaftlichen Betrieben zugeteilt wurden.

Im Laufe des Krieges passierten rund 13 Millionen Zwangsarbeiter die Grenzen des Reiches, wurden in ganz Europa insgesamt 20 Millionen Menschen für die Kriegsproduktion des NS-Regimes eingespannt. Darüber informiert hervorragend die Ausstellung, die derzeit im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist, unter dem Titel "Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg". Auch die Vorgeschichte ab 1933 wird beleuchtet. Denn die Zwangsarbeit kam nicht von ungefähr. Sie fügt sich, wenn auch als gewaltsames Extrem, in die Politik der Arbeitsmarktlenkung ein, die die ganze Dauer des NS-Regimes begleitet, ja eines ihrer konstitutiven Merkmale ausmacht.

Während jedoch die Zwangsarbeit im Dritten Reich gut dokumentiert ist, nicht zuletzt dank der Publikationen des Freiburger Historikers Ulrich Herbert (ab 1987), ist der Gesamtzusammenhang der NS-Wirtschaftslenkung erst mit der bahnbrechenden Studie des englischen Wirtschaftshistorikers Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung (dt. 2007), ganz in den Blick gerückt. Über den Teilaspekt "Nationalsozialistisches Migrationsregime und 'Volksgemeinschaft'" veranstaltete das Deutsche Historische Museum Ende November eine Tagung, parallel zur Ausstellung "Hitler und die Deutschen".

Der Begriff der "Volksgemeinschaft" gehört zu den zentralen Topoi der NS-Ideologie. Was dieser Begriff allerdings beschreiben sollte, wurde zu NS-Zeiten nie deutlich und wird heute in der historischen Forschung kontrovers diskutiert. Handelt es sich um eine Ist-Beschreibung oder eine Verheißung für die Zukunft, die als "Leistungsgemeinschaft" zu erarbeiten war? Die Zwangsarbeit findet sich eingebettet in eine Gesellschaft, die seit 1933 zu Arbeit als "Dienst am Volk" aufgerufen war. Der "Reichsarbeitsdienst" spielte eine erhebliche Rolle, denn die paramilitärische Organisation dieser Dienstverpflichtung nimmt vorweg, was später an den Deportierten Europas exekutiert wurde.