Wolfgang Lachner hat jahrelang Buch geführt: Die Kilowattstunden auf seiner Strom-Jahresabrechnung teilte der 69-jährige Berliner durch 365 und wusste somit, wie viel Strom er durchschnittlich pro Tag verbraucht hatte. "Das ist ein Spleen von mir", sagt der Rentner zwinkernd. Seit August 2010 lebt er seine Eigenart noch intensiver aus – tagesaktuell notiert er jetzt seinen Stromverbrauch. Die Daten bekommt Lachner aus dem Fernsehen, auf dem AV-Kanal. Hinter seinem TV-Gerät hat der Ruheständler eine runde, weiße Box versteckt, die an seinen Fernseher angeschlossen ist. Die kleine TV-Box sendet live und rund um die Uhr vom Ort des Geschehens: Lachners "EDL 21"-Stromzähler.

Der EDL 21 ist ein intelligenter Stromzähler (englisch: smart meter ); sogar einer, der kommunizieren kann: Der digitale Zähler visualisiert den gemessenen Stromverbrauch mithilfe der TV-Box und einer speziellen Software. Wolfgang Lachner sieht auf seinem Fernsehbildschirm ein Diagramm, das ihm wahlweise seinen Stromverbrauch der letzten Minuten, der letzten 24 Stunden oder der letzten 30 Tage anzeigt. "In meiner nächsten Abrechnung werde ich gut 180 Kilowattstunden weniger haben", sagt Lachner. "Man spart. Ich weiß jetzt, dass die mittlere und große Herdplatte sehr viel Strom verbrauchen. Früher habe ich meine Kartoffeln oft eine halbe Stunde köcheln lassen – heute stehen sie nicht länger als 15 Minuten auf der heißen Platte." Wolfgang Lachner hat umgedacht.

So wie der 58-jährige Dietmar Peise, dessen Stromverbrauch ebenfalls intelligent gezählt wird. Peise nutzt allerdings die WLAN-Funktion der TV-Box: Er verfolgt sein Stromverhalten ganz zeitgemäß mithilfe eines Programms auf seinem Tablet-Computer. Die Anwendung rechnet seinen Verbrauch nicht nur in Euro um, sondern ermittelt auch, welche Mengen des Treibhausgases CO 2 entstehen. "Als ich gesehen habe, wie der Verlauf nach oben geht, wenn ich das Licht anschalte, habe ich überall Energiesparlampen eingesetzt."

Die Umweltingenieurin Shahzeen Attari vom Columbia University Earth Institute würde sich darüber freuen. In ihrer Doktorarbeit fragte Attari letztes Jahr 505 Amerikaner nach den effektivsten Dingen, die man tun kann, um Energie zu sparen. Nur 11,7 Prozent ihrer Probanden hielten effiziente Geräte, wie Dietmar Peises Energiesparlampen oder einen stromsparenden Herd, für geeignet. Mehr als die Hälfte nannte Verhaltensweisen: weniger Auto fahren oder das Licht ausschalten, wenn es nicht nötig ist.

Damit liegen die Probanden allerdings falsch: "Eine geringere Nutzung spart bei Weitem nicht so viel Energie wie ein effizientes Gerät (zum Beispiel eine Energiesparlampe)," erklärt die Forscherin. Viele Verbraucher setzen trotzdem lieber auf Energiespartricks, als sich neue umweltfreundlichere Geräte anzuschaffen. Das ist nachvollziehbar, denn kurzfristig ist etwa ein neuer Herd natürlich teurer als seine Kartoffeln kürzere Zeit zu kochen. Am sparsamsten im Verbrauch ist langfristig allerdings derjenige, der sich moderne Apparate kauft und sie mit Bedacht benutzt.

Auch in der Einschätzung, wie groß der Unterschied im Verbrauch zwischen herkömmlichen und energiesparenden Geräten ist, täuschten sich die Versuchspersonen. Die Mehrheit der Befragten unterschätzte die Menge an Strom, die gängige Maschinen und Lampen fressen. Einen gewöhnlichen Geschirrspüler hielten sie beispielsweise für fast zehn Mal sparsamer, als er es tatsächlich ist. Anders sah es bei dem Blick auf neue Haushaltshelfer aus: Hier überschätzten die Probanden den Enegieverbrauch – und dachten, die Ersparnis sei deutlich geringer.

Dennoch sollte der effiziente Kühlschränke nicht den ganzen Tag offen stehen oder Energiesparlampen die Nacht hindurch brennen. Einige Verhaltenstricks bringen durchaus etwas, wie das Beispiel einer herkömmlichen Waschmaschine zeigt. Wer die Temperatur pro Waschgang herunterregelt, kann bis zu 4.000 Wattstunden sparen. Hier schätzten die Versuchspersonen in der Studie der Umweltingenieurin die mögliche Ersparnis auf gerade einmal 100 Wattstunden. Besonders in Bereichen, in denen  ein geringer Stromverbrauch eine Menge CO 2 einsparen könnte, "haben viele Leute mangelndes Wissen", schreibt Attari. Sie hält daher eine Rückmeldung in Echtzeit für wichtig, damit jeder etwas über den Energieverbrauch in seinem Haushalt lernt.