"Watson" war nur der Anfang. Der IBM-Computer lehrte vor kurzem menschliche Kandidaten in der amerikanischen Quizshow "Jeopardy" das Fürchten. Maschinen wie "Watson" werden immer schneller. Und eines Tages werden sie so rasant rechnen, dass sie an die Intelligenz des Menschen heranreichen, um sie schließlich zu übertreffen. 2045 wird es so weit sein. Es ist das Jahr, in dem Mensch und Computer verschmelzen, in dem das Gehirn in einen Rechner umzieht und das Bewusstsein in Software verwandelt wird, in ein gigantisches Rechnerprogramm. Es ist das Jahr, von dem an wir unsterblich sein werden und einer kosmischen Zukunft entgegengehen. Es ist das Jahr der "Singularität".

Zugegeben, diese Zukunftsvision passt eher in einen Science-Fiction-Film. Aber sie hat in Ray Kurzweil, 63 , einen prominenten und erfolgreichen Fürsprecher. Kurzweil ist – eigentlich – kein Spinner. Er hat sich als Erfinder und Unternehmer einen Namen gemacht und als Software-Pionier bei der Sprach- und Mustererkennung durch Computer Bahnbrechendes geleistet. Wirklich berühmt geworden ist "der radikalste Futurist auf Erden", so das Magazin Rolling Stone , aber mit der Idee der "Singularität". Der Begriff ist aus der Astrophysik entlehnt und bezeichnet hier das Zentrum eines Schwarzen Lochs, in dem die normalen Gesetze der Physik keine Gültigkeit mehr haben.

Bei Kurzweils Singularität verändert sich nicht die Physik. Sondern die grundsätzliche Vorstellung von dem, was ein Mensch ist und was ihn ausmacht. Kurzweil hat damit kein Problem. Jeden Tag schluckt er Unmengen an Vitaminen und Pflanzenextrakten, um seinen Körper jung zu erhalten und das Jahr 2045 noch zu erleben. Er ist zusammen mit Firmen wie Google und Nokia Mitbegründer einer Universität für Singularität. Viele "Singularianer" stammen aus der IT-Szene, sind Programmierer oder Software-Unternehmer. Singularität, sagen Kritiker, ist eine Techno-Religion. Eine Heilslehre für Nerds.

"Ein Mensch ist ein Software-Programm", lautet Kurzweils Credo. Eine Datei. Und die mag so groß sein wie sie will, eines Tages passt sie in einen Rechner. Aus natürlicher wird künstliche Intelligenz. Kurzweil ist stolz auf seine Fähigkeit, gute Prognosen zu stellen – ein Talent, das ihm Microsoft-Gründer Bill Gates ausdrücklich bestätigt hat. Wesentliches Fundament seiner Vorhersagen ist das exponenzielle Wachstum der Rechnerkapazität. Das heißt, dass die "Intelligenz" des Computers nicht Schritt für Schritt "linear" wächst, sondern sich in einem bestimmten Zeitabschnitt verdoppelt. Bisher hat sich diese Annahme als zutreffend erwiesen. 2015 werde die globale Computerpower die eines Maus-Gehirns übertreffen, 2023 die eines menschlichen Denkorgans, 2045 die aller menschlichen Gehirne, sagt Kurzweil.

Aber mit Rechenkraft allein ist es nicht getan. Bevor man den Inhalt des Gehirns in Bits umwandelt, muss man verstehen, wie es aufgebaut ist und wie es arbeitet, man muss es also von Grund auf neu konstruieren, Baustein für Baustein. Kurzweil glaubt, dass es nicht so komplex ist. "wie von manchen Theoretikern behauptet". Er weigere sich, "vor dem Mysterium des menschlichen Gehirns auf die Knie zu fallen", kommentiert das Magazin Time . Als Beispiel nennt Kurzweil das menschliche Genom, dessen Information wiederum dem Informationsgehalt des Gehirns Grenzen setze. Die drei Milliarden biochemischen Buchstaben des Erbguts destilliert er zu rund 50 Millionen Bytes – möglich ist das, weil das Genom massig "überflüssige" Daten enthält.