In Japan wächst die Gefahr eines radioaktiven Niederschlags . Und in Deutschland werden Erinnerungen an das Jahr 1986 wach. Damals breitete sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 eine radioaktive Wolke nach Westen aus. Die entscheidende Frage lautete, wie groß die Gesundheitsgefahr durch den Fallout sein würde.

Rückblickend zeigte sich, dass Mitteleuropa noch einmal glimpflich davongekommen war. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz fiel die Strahlenbelastung verhältnismäßig gering aus. Im ersten Jahr nach Tschernobyl betrug sie bis zu 50 Prozent der ohnehin vorhandenen natürlichen Strahlendosis von 2,1 Millisievert (mSv). Auf 50 Jahre hochgerechnet werde sie insgesamt 4 mSv nicht überschreiten. "Es gibt bisher keinen Nachweis, dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl-Unfall verursacht wurden", heißt es von Seiten des Bundesamts.

Kann die Akte Tschernobyl also geschlossen werden, zumindest für Deutschland? Nicht ganz. Denn eine vergleichsweise niedrige Strahlenbelastung kann Folgen für die Gesundheit haben, auch wenn diese statistisch nicht oder kaum nachweisbar sind. So wird das Risiko, an einem strahlenbedingten Krebsleiden zu sterben, mit etwa 1,2 Prozent pro 100 mSv angegeben. Rechnerisch muss also davon ausgegangen werden, dass es in Deutschland infolge von Tschernobyl zu zusätzlichen Krebstodesfällen kommt, auch wenn sie in der allgemeinen Krebssterblichkeit untergehen und nicht von "normalen" Tumorleiden zu unterscheiden sind.

Unterhalb von 100 mSv sprechen Experten von Niedrigdosis-Strahlung. Ihre Folgen für den Organismus werden intensiv erforscht und sind das Thema heftiger Debatten. Zu verstehen, welche Auswirkungen vergleichsweise geringe Dosen haben, ist nicht nur wegen Reaktorunfällen von großer Bedeutung. Bedeutsamer im Alltag ist die zur natürlichen Belastung hinzukommende durch medizinische Anwendungen wie Röntgenaufnahmen, Mammographien und Computertomographien. Mit rund 2 mSv haben sie die gleiche Größenordnung wie die Dosis durch natürliche Radioaktivität. Auch deswegen ist es wichtig, Folgen der Niedrigstrahlung besser zu verstehen. Auch die Strahlenbelastung durch Flugreisen spielt im Alltag eine Rolle.

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

Je mehr man von einem Gift zu sich nimmt, umso größeren Schaden richtet es an. Diese Regel gilt auch für radioaktive Strahlung: je höher die Dosis, umso eindeutiger und schwerwiegender die Folgen. Eine Dosis von 1 bis 2 Sv löst eine leichte Strahlenkrankheit aus, 2 bis 3 Sv führen bereits zu einer schweren Strahlenkrankheit und 6 Sv sind meist tödlich. Hochdosierte Strahlung zerstört die Blutbildung, das Immunsystem und schädigt viele andere Organe.

Wie sieht es mit geringen Dosen aus? Steigt das Risiko von Strahlenschäden langsam und kontinuierlich mit der Dosis an, verläuft es also linear? Gibt es eine Schwelle, unterhalb derer keine Gefahr droht? Oder sind bei einer niedrigen Dosis sogar größere Schäden zu gewärtigen?

Das BEIR-VII-Gutachten des amerikanischen Nationalen Forschungsrats befasste sich bereits vor einigen Jahren mit diesem Thema. Ergebnis des 700-Seiten-Berichts: Es gibt keine "sichere" Strahlendosis, also auch keine Gefahrenschwelle. Das Risiko geringer Dosen mag klein sein, aber es existiert, so die Experten. Denn im Prinzip kann auch ein einziger radioaktiver Zerfall oder eine minimale Dosis große Folgen haben, wenn dadurch die Erbsubstanz im Zellkern geschädigt wird, auch wenn das nur sehr selten der Fall ist.