DIE ZEIT: Kennen Sie ein Land auf der Welt, das besser als Japan auf ein Erdbeben mit Tsunami dieser Größenordung vorbereitet gewesen wäre?

Wolf Dombrowsky: Nein. Vom Kindergarten an wird man in Japan auf Naturgefahren vorbereitet. Auch beim technischen Schutz ist Japan beispielgebend. Die Art und Weise, wie dort gebaut wird, wie Tsunami-Mauern errichtet worden sind, wie ganze Gebirgshänge mit Sensoren durchzogen und mit Betonwänden abgeschirmt sind, wie man Bahnen gegen Abrutschungen gebaut hat und große Bassins gegen Flussüberschwemmungen: Dieses Land ist durch und durch verlässlich gehärtet gegen Katastrophen .

ZEIT: Doch jetzt waren Beben und Welle stärker, als in den Plänen erwartet, und die Katastrophe ist trotz guter Vorbereitung eingetreten. Macht das die Situation für die Überlebenden zusätzlich schwierig?

Dombrowsky: Ja, weil es eine große Enttäuschung ist und die müssen die Menschen emotional verarbeiten. Man hat enorm viel Kraft und Geld verwendet, um sich so zu härten – und dann hat es nichts genützt. Das ist eine bittere Ironie.

ZEIT: Genützt hat es wahrscheinlich sehr viel, allerdings nicht genug, um alle zu schützen .

Dombrowsky: Ja, der Einwand ist berechtigt. Ohne die gute Vorbereitung hätte es mit Sicherheit noch sehr viel mehr Opfer gegeben. Aber das macht das Leben für die, die überlebt haben, nicht erträglicher. Tragisch ist tragisch.

ZEIT: Jetzt müssen die Rettungsdienste versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Funktioniert das?

Dombrowsky: Meine Vermutung ist, dass es hervorragend funktionieren wird. In Anbetracht dieser Trümmerberge und der zusammengebrochenen Infrastruktur, dieser halben Million Menschen, die obdachlos sind, und dieser fast fünf Millionen, die zeitweise ohne Strom sind, wieder Ordnung reinzubringen und die Infrastruktur wieder in Gang zu bringen. Das ist eine enorme, herkulische Aufgabe. Und ich glaube, dass Japan hier schneller sein wird als alle anderen Gesellschaften.

ZEIT: Woran messen Sie Erfolg oder Misserfolg der Katastrophenprävention?

Dombrowsky: Es gibt weltweit keine zuverlässige Bemessungsgröße. Es gibt kein Standardmaß für Katastrophen, etwa so, wie den Urmeter in Paris als Standardlängenmaß. Wir bräuchten so etwas, um messen zu können: Wie schwer war eigentlich der Schaden? Die ökonomischen Berechnungen der Rückversicherer helfen da wenig.

ZEIT: Aus den Obdachlosenunterkünften wird über erste Tote berichtet. Was bedeutet das?

Dombrowsky: Gar nichts. Das ist nichts als eine aufmacherische Medienmeldung. Menschen sterben immer. Die Frage ist doch: Sind sie durch diese Katastrophe gestorben? Diese Frage lässt sich jetzt noch gar nicht beantworten.

ZEIT: Wird sich die Frage überhaupt beantworten lassen?

Dombrowsky: Letztlich nicht. Das sind diese typischen Schicksalsmeldungen, die in der allgemeinen Inszenierungsform der Medien eine große Rolle spielen. Da kommt der Zoom auf den alten Mann, der auf einem Floß überlebt hat. Das soll die Herzen der Weltöffentlichkeit ansprechen und die Portemonnaies öffnen. Das ist in Ordnung, aber mit wissenschaftlicher Erkenntnis hat das nichts zu tun.

"Panik ist eines der Lieblingsworte einer apokalypsesüchtigen Gesellschaft"

ZEIT: Zur Medienberichterstattung gehört auch die Angst vor der Massenpanik.

Dombrowsky: Panik ist eines der Lieblingsworte einer apokalypsesüchtigen Gesellschaft. Ich kenne so gut wie keine Massenpanik, die nachgewiesen ist. Dass hier eine ganze Stadt mit 35 Millionen Einwohnern in Panik geraten könnte, ist totaler Quatsch. Das ist Hollywood.

ZEIT: Selbst wenn Ministerpräsident Kan morgen bekannt geben würde: Eine radioaktive Wolke zieht Richtung Tokyo?

Dombrowsky: Ich weiß nicht, was dann passiert, das hat keinen historischen Vorläufer. Wenn ich den Ministerpräsidenten beraten dürfte, würde ich ihm sagen: Halte mit diesen Meldungen zurück.

ZEIT: Darf Politik das? Ist nicht Vertrauen die zentrale Voraussetzung für die Bewältigung einer Katastrophensituation ?

Dombrowsky: Vertrauen ist eine feudale Kategorie. Sie gehört zur Treue des Lehnsnehmers zum Lehnsherrn. Darin steckt ein wechselseitiges Geben und Nehmen: Schutz gegen Dienst. In einer modernen, demokratischen Gesellschaft sollten wir nicht mehr Vertrauen haben, sondern Kontrolle ausüben. Nichts glauben, nicht vertrauen, sondern kontrollieren. Und dann rationale Entscheidungen treffen .

ZEIT: Wir brauchen also unabhängige Messwerte der radioaktiven Belastung?

Dombrowsky: Meine Forderung geht noch weiter: Jedem Haushalt ein eigenes Messgerät. Damit die Leute lernen, wie man damit umgeht, damit man einen Vergleich hat von der täglich Normaldosis zur Abweichung. Wir müssen mit den modernen Maßzahlen unseres Industriezeitalters konfrontiert und sozialisiert werden. Ich will niemandem vertrauen, ich will selber messen. Das ist demokratischer Anspruch in einer industriellen Gesellschaft.

ZEIT: Haben Sie einen Geigerzähler zu Hause?

Dombrowsky: Leider nicht. Ich sitze zwar in zu vielen Gremien, um noch zu vertrauen. Aber geleistet habe ich mir so ein Ding bisher noch nicht.