"Ich hörte ein Pfeifen, ein immer stärker anschwellendes Dröhnen und fühlte, wie der Riesenleib des Schiffes zu beben begann und sich langsam, sehr langsam vom Starttisch löste", schrieb Juri Gagarin 1961 in seinem Buch Der Weg in den Kosmos, wenige Wochen nachdem er als erster Mensch in der Spitze einer umgebauten Atomrakete ins All geschossen worden war. Sein Flug jährt sich am 12. April 2011 zum 50. Mal.

Seine enge Kapsel war auf der Spitze einer umgebauten sowjetischen Interkontinentalrakete montiert worden, deren mächtige Schubkraft eine relativ ungemütliche Reise ins All versprach.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges begannen die Supermächte USA und UdSSR in den folgenden Jahren ein Wettrennen zum Mond, wobei die Russen ihre Missionen strengster Geheimhaltung unterwarfen. Erst heute, Jahre nach dem Zerfall der UdSSR, ist der enorme Umfang des damaligen sowjetischen bemannten Mondprogramms auch im Westen klar erkennbar. Letztlich scheiterten die russischen Mondambitionen an technischen Problemen der Trägerraketen Proton und N1.

Weniger bekannt sind die parallel dazu laufenden Versuche der Supermächte, bemannte militärische Raumstationen zu bauen. Die USA stellten ihr Programm 1969, noch vor dem Erstflug, aus Kostengründen ein, sowjetische Spionage-Kosmonauten flogen in den 1970er Jahren jedoch mehrmals ins All. Erst ab den 1980er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der bemannten Raumfahrt auf zivile wissenschaftliche Forschung, wobei auf russischer Seite Raumstationen und Sojus-Kapseln eingesetzt wurden, auf Nasa-Seite hingegen die 100 Tonnen schweren Space-Shuttles.

Während Sojus-Raumschiffe heute strikt nach Fahrplan zur Raumstation ISS pendeln, verliefen die geheimnisumwitterten frühen sowjetischen Weltraumexpeditionen oft abenteuerlich. Raketenexplosionen, eine eisverkrustete Raumstation, dramatische Notlandungen in der Einöde und andere bizarre Episoden lassen begreifen, wie viel Mut dazu gehörte, sich den frühen Raumkapseln anzuvertrauen und erstmals in jene lebensfeindlichen Weiten vorzudringen, die noch nie ein Mensch bereist hatte.

Rettung auf Skiern

März 1965: Alexej Leonow steigt als erster Mensch aus einer Raumkapsel ins freie All hinaus. Die Welt staunt über Filmaufnahmen mit der riesigen Erde im Hintergrund. Was danach geschieht, wird von der Zensur bis zum Zerfall der UdSSR verschwiegen: Der aufgeblähte Raumanzug passt nicht mehr in die Luftschleuse, nur mit größter Kraftanstrengung quetscht sich Leonow zurück ins Raumschiff.

Der russische Kosmonaut Alexej Leonow (hier im Jahr 1965) machte als erster Mensch einen Spaziergang im All © Keystone/Getty Images

Eine unpräzise Bremszündung und die misslungene Abtrennung des Versorgungsmoduls lassen die Kapsel dann im tiefsten Sibirien niedergehen, in endlosen verschneiten Wäldern, 2000 Kilometer vom geplanten Landegebiet entfernt. Sie gilt als verschollen, im sowjetischen Radio wird vorsorglich Trauermusik gespielt. Als man die Kosmonauten findet, werden Hilfsgüter abgeworfen, eine Hubschrauberlandung ist im Wald aber unmöglich. Erst nach zwei Nächten gelingt eine Bergung auf Langlaufschiern.

Mondschildkröten

September 1968: Eine Proton-Rakete, einst als Träger von überschweren Atombomben konzipiert, steht an der Startrampe. Die geheime Nutzlast ist ein für Kosmonauten gedachtes L1-Raumschiff, die Tarnbezeichnung Zond 5 soll suggerieren, dass es sich bloß um eine kleine Instrumentensonde handelt. Die schwere Rakete startet, und das Raumschiff fliegt mit seinen Passagieren zum Mond: Fruchtfliegen, Würmer und zwei Schildkröten. Letztere konnten als erste irdische "Raumfahrer" durch das Bullauge einen Blick auf die Mondrückseite werfen. Eine Wiederholung des Mondfluges im Dezember 1968, diesmal ohne Schildkröten, dafür mit den Kosmonauten Alexej Leonow und Oleg Makarow, wird aufgrund schwerer technischer Probleme abgesagt.

"Ich komme aus dem All!"

Januar 1969: Zwei Sojus-Raumschiffe koppeln, Kosmonauten klettern außen hinüber in die andere Kapsel. Was keiner weiß: Dies ist die Generalprobe für den Umstieg in die sowjetische Mondfähre, die keine Umstiegsluke besitzt.

Mit Jurij Gagarin begann 1961 das Zeitalter der bemannten Raumfahrt. Ein historischer Rückblick in Bildern

Erst 1996 wird im Westen bekannt, dass eine der beiden Kapseln beim Wiedereintritt in die Atmosphäre fast verglüht wäre: Fern vom Landegebiet schlägt sie in der tief verschneiten kasachischen Steppe auf, Kosmonaut Boris Wolynow prallt auf das Instrumentenpult und schlägt sich Zähne aus. Draußen hat es minus 36 Grad Celsius, er wird erfrieren, falls Suchtrupps ihn nicht bald finden. Langsam stapft er zu einer fernen Rauchfahne und klopft bei einer einsamen Hütte an: Er komme aus dem Weltraum und wolle sich aufwärmen. Die Suchhubschrauber finden nur das leere Raumschiff, während Wolynow bereits eine heiße Suppe schlürft.

Radioaktiver Ofen

Februar 1969: Die riesige Mondrakete N1 versagt nach 68 Flugsekunden und stürzt vollgetankt ab, die ungeheure Explosion zerstört Fenster in weitem Umkreis des Startgeländes bei der Stadt Leninsk. Bei frostigen minus 41 Grad platzen in umliegenden Wohnungen und Montagehallen die Heizleitungen, kleine Elektroöfchen ermöglichen tagelang ein Wohnen und Arbeiten bei bloß knapp über null Grad.

Zwei Tage später soll ein Lunochod-Mondauto starten und die Sowjethymne vom Mond zur Erde funken. Auch diese Rakete scheitert, und es wird erzählt, dass der Bandrekorder in bekannt-robuster russischer Bauweise sogar inmitten von Raketentrümmern imstande war, die Hymne zu schmettern.

Das Polonium-gefüllte Heizelement des Mondrovers bleibt monatelang verschollen. Später wird es in der Hütte einer Militärpatrouille gefunden, wo das radioaktive heiße Ding begeistert als Zusatzheizung installiert worden war.