Der Ehec-Erreger breitet sich weiter aus. Das Robert-Koch-Institut in Berlin zählte allein am Freitag etwa 60 neue Fälle, in denen Patienten durch die Infektion mit dem Bakterium an dem gefährlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) erkrankt waren, das zu Organversagen führt. Dabei kommt es zu schweren Darmblutungen und Giftstoffe gelangen in die Nieren. Die Zahl der bestätigten Hus-Fälle stieg damit auf 276. Die meisten gibt es derzeit in Hamburg, dort erreichten die Kliniken die Kapazitätsgrenze bei der Versorgung der Patienten.

Die Zahl derjenigen, die sich mit dem Erreger infiziert haben, stieg nach Informationen des Instituts binnen einer Woche auf rund 800. Normal sind rund 900 Fälle pro Jahr. In Schleswig-Holstein verdoppelte sich die Zahl der bestätigten Infektionen innerhalb eines Tages auf 204.

Sechs Menschen sind bisher an der Krankheit gestorben: Eine 77 Jahre alte und eine 41 Jahre alte Frau aus Cuxhaven, eine 24-jährige Frau aus Bremen, eine 83-Jährige aus Diepholz in Niedersachsen sowie eine 89 Jahre alte Frau aus dem Kreis Oldenburg in Schleswig-Holstein. Bei einem 38-Jährigen, in Hamburg gestorbenen Mann, erbrachte ein erster Ehec-Test einen positiven Befund.

"Wir müssen aufgrund der steigenden Zahlen immer noch von einem dynamischen Geschehen ausgehen", hieß es aus dem niedersächsischen Gesundheitsministerium. Wegen der Ausbreitung der Ehec-Fälle raten das Robert-Koch-Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung weiterhin davon ab, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland roh zu verzehren. Eine Studie hatte ergeben, dass viele der in dieser Region Erkrankten rohes Gemüse gegessen hatten. Das bedeutet aber nicht, dass die Infektionsquelle bei den norddeutschen Gemüseproduzenten zu suchen ist.

Auch in anderen europäischen Ländern besteht bei mehreren Menschen Verdacht auf eine Ehec-Infektion, bis Freitag wurden unter anderem zwei in Österreich bekannt, weitere in den Niederlanden, in Schweden, Großbritannien und Dänemark. Meist waren aus Deutschland kommende Reisende betroffen.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/​dpa/​lno

Auf der Suche nach der Ursache des Erregers hatten die Gesundheitsbehörden am Donnerstag einen ersten Erfolg gemeldet. In Hamburg wurden die Bakterien auf Salatgurken aus Spanien entdeckt. Je eine verseuchte Gurke stammte demnach von Unternehmen aus Málaga und Almería. Die spanischen Behörden untersuchen den Fall, bisher ergebnislos. Inspektoren des Gesundheitsministeriums stellten in zwei Agrarbetrieben in den Provinzen Málaga und Almería Gurken sicher und verboten ihren Verkauf.

Dass die Salatgurken beim Umkippen einer Palette in Hamburg verunreinigt wurden, ist unwahrscheinlich. Dies könne man aufgrund der Probenentnahme an unterschiedlichen Stellen ausschließen, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Einer der spanischen Landwirte, von denen mit Ehec-Bakterien verunreinigte Salatgurken stammen sollen, hatte die Vermutung geäußert, seine Gurken seien beim Sturz einer Palette während des Transports mit dem Erreger in Kontakt gekommen.

Spanien legte bei der Europäischen Union und der Bundesregierung Beschwerde gegen deutsche Berichte über einen Befall spanischer Gurken mit Ehec-Erregern ein. Die Behörden hätten zuerst die Presse unterrichtet und nicht – wie vorgeschrieben – die Instanzen der EU. Dadurch drohten der spanischen Landwirtschaft große Verluste. Auch die Niederlande wiesen den Verdacht von sich, Agrarbetriebe hätten verunreinigte Gurken geliefert.

Die Hamburger Gesundheitsbehörde versucht derzeit, alle möglichen Handelswege der untersuchten Gurken nachzuvollziehen, um Zusammenhänge zwischen den Infektionen herzustellen. Ein Sprecher räumte allerdings ein, dies werde vermutlich "nie richtig" geklärt werden können. "Die Vertriebswege sind verschachtelt und verzweigt", sagte der Sprecher.

Mit dem Erreger kontaminierte Gurken aus Spanien sind unterdessen auch bei zwei Großhändlern in Dänemark entdeckt worden. Die Behörde prüft außerdem Lieferwege aus den Niederlanden.

Die Sorge vieler Verbraucher macht den Gemüsebauern vor allem in Norddeutschland zu schaffen. Sie werfen eigenen Angaben nach mittlerweile tonnenweise Salatköpfe, Tomaten und Gurken auf den Müll. Ein großer deutscher Salathersteller in Norddeutschland etwa habe auf einen Schlag 30.000 Köpfe Eisbergsalat wieder unter die Erde pflügen müssen, hieß es von der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland. Der Absatz und Verbrauch von deutschen Gurken, Tomaten und Salaten sei seit der Warnung des Koch-Institutes "zu 90 Prozent eingebrochen", sagte Axel Boese von der Fachgruppe. Auch andere Erzeugergemeinschaften meldeten Absatzeinbrüche. Ersten Schätzungen zufolge haben die Gemüsebauern derzeit Einbußen in Höhe von zwei Millionen Euro pro Tag zu verkraften, wie ein Sprecher des Deutschen Bauernverbands sagte.

Ehec-Keime sind eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli. Der Erreger ist vor allem deshalb gefährlich, weil nach Expertenangaben etwa zehn bis 100 der winzigen Bakterien ausreichen, um Durchfälle auszulösen. Bei anderen Infektionen sind um ein Vielfaches mehr Erreger nötig, damit es zur Erkrankung kommt.