Klatsch!Sssss … Seit Menschen in Höhlen leben und Feuer machen, begleitet sie uns: die Gemeine Stubenfliege ( Musca domestica ). Die einen empfinden sie als lästig, andere als absolut nervtötend. Fast niemand vermag es, ihr etwas Positives abzugewinnen. Liegt es daran, dass sie uns seit jeher vor Augen hält, was sie alles besser kann als wir? Sie ist reaktionsschneller, kann kopfüber an der Decke spazieren und macht sich keinen Gedanken über die E-Mails, die sie noch beantworten müsste. Und da war doch noch etwas: Musca domestica kann fliegen, hat gelegentlich sogar Sex dabei.

Der Zweiflügler ( Diptera ) hat die ganze Welt erobert: Ob Amerika, Europa, Asien oder Australien, wo Menschen sind, kann Musca domestica nicht weit sein, wie unter anderem diese Flickr-Karte zeigt . Alfred Brehm schrieb in seinem Werk Brehms Thierleben von 1884 : "Kein Thier – das kann wohl ohne Übertreibung behauptet werden – ist dem Menschen ohne sein Zuthun und ohne ihn selbst zu bewohnen, ein so treuer, in der Regel recht lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter, als die Stubenfliege."

Menschen können mit Insekten eben nicht viel anfangen. Sie mögen es, wenn Tiere putzig oder tollpatschig sind, immer auf vier Pfoten landen, das Stöckchen holen, Gras mümmeln, im Hamsterrad laufen, hecheln, bellen, miauen, grunzen oder wiehern. Viele Menschen akzeptieren es sogar, wenn Tiere stinken! Der Stubenfliege fehlen hingegen all diese Attribute, auf die Homo sapiens so anspringt. Weder duftet sie, noch hat sie süße Kulleraugen oder einen kuschelig weichen Pelz.

Eine Fliege findet erst dann den Weg in unser Bewusstsein, wenn sie stört. Zuweilen kann sie dabei auch besonders hartnäckig sein, wenn sie immer und immer wieder auf derselben Körperstelle landet oder ihren Rüssel permanent in unser Essen steckt. "Wir alle kennen ihre schlimmen Eigenschaften, die Zudringlichkeit, Naschhaftigkeit und die Sucht, alles und jedes zu besudeln", schrieb Brehm. Die Stubenfliege benimmt sich wie eine Person, der gewisse soziale und empathische Kompetenzen fehlen, die permanent nervt. Ist sie dumm?

Keineswegs. Musca domestica mag zwar ein Gehirn fehlen, das ihr kognitive Höchtleistungen ermöglicht. Allerdings schafft sie es mit ihrer behäbigen Art immer wieder, ihren Willen gegenüber dem ach so schlauen Menschen durchzusetzen. Nach dem Motto: Nerve ihn so lang, bis er nachgibt, und zehre dann in aller Seelenruhe von seinen Körperausdünstungen. 

Und wie so oft in der Geschichte, weiß Homo sapiens sich nicht anders zu helfen als mit brutaler Gewalt. Er schlägt zu. Doch ihrer schnellen Reaktion und den geschickten Flugmanövern hat sie es zu verdanken, dass er sie fast nie erwischt. Die Stubenfliege springt zunächst senkrecht in die Höhe bevor sie mit 200 Flügelschlägen in der Sekunde davon saust. Vielleicht ist das der Grund, warum die meisten Musca verachten. Fast immer unterschätzen wir dieses behäbig-treue Tier – und das lässt die Fliege uns spüren, mit jedem verlorenen Schlag. Klatsch! Sssss …

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