ZEIT ONLINE: Könnte ich zum Gewalttäter werden?

Elbert: Ja, indem Sie etwa Alkohol trinken und dadurch ihre Hemmschwellen senken. Der Alkohol beeinflusst die Hirnregionen, die Moral und Emotionen regulieren. Darum trinken viele Menschen ja Alkohol, weil er die Kontrollmechanismen lockert – damit aber auch die Gewaltbereitschaft. Die meisten Menschen sind einigermaßen sozialisiert und haben Hemmungen erlernt, die aggressives Verhalten verhindern. Es gibt aber ein paar Ausnahmen, etwa Menschen, die eine ungünstige Kindheit hatten oder regelmäßig Drogen nehmen. Man weiß bereits, dass im Frontallappen hinter der Stirn die Hirnzentren sitzen, die es Menschen ermöglichen, Fehler zu entdecken sowie Verhalten und Gefühle zu regulieren. Hier sind auch die Hemmmechanismen gespeichert. In unserem Forschungsprojekt wollen wir etwa herausfinden, unter welchen Bedingungen diese regulatorischen Zentren aussetzen. Gewalt wird im Übrigen nicht nur von Kriminellen ausgeübt.

Die Gesellschaft sagt ja nicht, du darfst nicht töten, sondern nur, du darfst nicht immer töten.
Thomas Elbert

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Elbert: Polizisten und Soldaten müssen in ihrem Beruf auch Gewalt ausüben. Die Gesellschaft sagt ja nicht, du darfst nicht töten, sondern nur, du darfst nicht immer töten. In Afghanistan dürfen wir töten, auch der Tod von Osama bin Laden empfinden viele für gerechtfertigt. Stellen Sie sich vor, ein Amokläufer läuft umher und schießt um sich. Ergibt sich eine Gelegenheit ihn zu töten, wird das getan – es wird sogar erwartet, dass jemand einschreitet.

ZEIT ONLINE: Kann Gewalt also auch etwas Positives haben?

Elbert: Nein. Ein Staat wie Deutschland sagt hingegen, dass es gut ist, wenn junge Männer die Demokratie am Hindukusch verteidigen. Die Soldaten stehen oft zwischen den Lagern: Einerseits wird von ihnen verlangt, Gewalt auszuüben, andererseits wird ihnen vorgeworfen, dass sie ihren Job erledigen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit für seelische Erkrankungen wie etwa Posttraumatische Belastungsstörungen. Wir schließen aus unseren Studien in Uganda und im Kongo, dass es vielen Soldaten besser ginge, wenn sie für ihren Einsatz mehr Achtung erhielten. So könnten sie die psychischen Belastungen vermutlich eher verkraften.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Gewaltbereitschaft?

Elbert: Frauen sind eher reaktiv. Werden die Kinder bedroht, schlägt eine Mutter mit allem zurück. Die Lust, jemanden zu überfallen, verspürt sie in der Regel nicht. Männer hingegen finden Gefallen daran, einem Tier nachzujagen und es zu erlegen. Sie versuchen, ihren Willen durchzusetzen und weisen dementsprechend andere Verhaltensweisen auf. Sie üben Gewalt um der Gewalt willen aus, empfinden Spaß daran .