ZEIT ONLINE: Und wie sähe eine nüchterne Berichterstattung aus?

Krämer: Schauen Sie sich doch  BBC oder CNN an. Diese beiden Sender haben über das Kraftwerksunglück in Japan berichtet als ginge es um ein Busunglück auf der A3 mit drei Verletzten. Sie haben bloß Fakten berichtet. Die Journalisten sollen die Fakten vermitteln und nicht ihre eigene Betroffenheit ausdrücken. Seit Fukushima schaue ich keine deutschen Nachrichten mehr im Fernsehen. Den deutschen Berichterstattern war doch der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sie lechzten geradezu nach der nächsten Horrormeldung. Und wenn dann der Journalist in Tokyo keine lieferte, waren die Moderatoren enttäuscht. Hinzu kommt, dass sich die Geschwindigkeit, mit der Nachrichten transportiert werden, durch das Netz dramatisch erhöht hat. Falschmeldungen und Panikwellen können sich schneller verbreiten als früher – und die ganze Welt leichter erreichen.

ZEIT ONLINE: Welche Risiken verharmlosen die Medien?

Krämer: Es gibt eine Reihe von Gefahren, die uns wirklich bedrohen: Krankenhauskeime, schlechte Hygiene sowie Seuchen und Viren. In Deutschland sterben jedes Jahr 50.000 Menschen an Infektionen, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben. Doch in der Zeitung lesen Sie davon kaum. Jedes Jahr sterben Millionen Babys weltweit an Durchfall, weil das Trinkwasser verunreinigt ist. Und auch wenn es utopisch klingen mag: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde in den kommenden hundert Jahren von einem Asteroiden getroffen wird , ist alles andere als Null.

ZEIT ONLINE: Vor was haben Menschen dann genau Angst?

Krämer: Wir ängstigen uns vor Dingen, die wir nicht verstehen. An den Folgen von Herzkreislaufkrankheiten sterben jährlich doppelt so viele Menschen wie an Krebs. Aber das macht uns weniger Angst, weil wir zu wissen glauben, wie das Herz funktioniert. Das Herz ist eine Pumpe – ist diese defekt, sind wir es auch. Aber wie Krebs entsteht, ist dem Menschen ein Rätsel. Und das macht uns Angst. Auch vor Radioaktivität haben viele Angst, weil deren Wirkung auf den Organismus so schwer zu verstehen ist.