Sie heißen Natalia und Thijs, wiegen je rund 700 Kilogramm und werden voraussichtlich am 21. Oktober zum Wohle Europas ins All geschossen. Die ersten beiden Satelliten des EU-Navigationssystems Galileo heben, wenn alles nach Plan läuft, um 12.34 Uhr unserer Zeit vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana ab.

Getauft wurden sie auf die Namen zweier Kinder aus Bulgarien und Belgien, die einen Malwettbewerb gewonnen hatten. Auch sonst gibt sich das von der EU-Kommission gemanagte Programm bürgernah und bodenständig: Dank Galileo sollen Autofahrer leichter ihren Weg finden, verletzte Bergwanderer geortet oder Bauern bei der Aussaat geholfen werden.

Galileo ist Europas Pendant zum US-System GPS (Global Positioning System), dessen erster Satellit bereits 1978 in den Weltraum startete. GPS leitet seither aber nicht nur die Amerikaner, auch in Europa verlassen sich vor allem Autofahrer auf die kostenlosen Signale, die ihr Navigationssystem auffängt und in Routenpläne übersetzt. Wozu also Galileo? Es verspreche größere Genauigkeit und Verlässlichkeit, macht die Kommission in Brüssel geltend.

Fünf verschiedene Dienste, die ab 2014 stufenweise den Betrieb aufnehmen, sind vorgesehen. Der wichtigste für den Normalbürger ist der offene Dienst, der von jedem gratis empfangen werden kann, etwa im Auto oder vom Landwirt auf dem Trecker. Das hilft beim richtigen Abbiegen oder beim Säen oder Düngen, wenn die Ackerfurche genau zu treffen ist, und nicht zuletzt auch Piloten beim Landeanflug. Noch genauere Daten sollen Unternehmen oder Vermesser bekommen – wenn sie dafür zahlen.

Denn Galileo soll zum einen präziser als GPS sein, aber auch mit ihm kombiniert werden können, wodurch die geballte Kraft beider Systeme genutzt wird. Die Branche werde sich darauf einstellen und die Navigationsgeräte der Zukunft so konstruieren, dass sie beide Signale auffangen, sind die Kommissionsexperten überzeugt.

Ein Großteil der Hochtechnologie stammt aus Deutschland. Die nun startenden Satelliten und zwei weitere wurden von EADS Astrium gebaut, Tochter des europäischen Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsriesen EADS. Die Verantwortung lag beim deutschen Astrium-Zweig. Die nächsten vierzehn Stück werden unter Federführung des Bremer Unternehmens OHB gefertigt. Am Ende sollen 30 Satelliten in über 23.000 Kilometern Höhe um die Erde kreisen.

All das kostet – rund fünf Milliarden Euro werden nach Kommissionsschätzung schon bis 2013 fällig geworden sein. Der Plan, private Investoren ins Boot zu holen, ist gescheitert. Auch der kostenpflichtige Dienst gilt nicht als Goldesel. Stattdessen verweisen die Planer auf den mutmaßlichen volkswirtschaftlichen Nutzen: Wie das Internet bilde das Navigationssystem einen Katalysator für viele Aktivitäten in der Wirtschaft.

"Ob man mit einem Tanker anlegen will, oder ein Zug auf Gleis A oder Gleis B steht – da machen ein paar Meter schon etwas aus", bestätigt Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Der Raumfahrt-Forscher und ehemalige Astronaut Ulrich Walter von der Technischen Universität München hält dagegen, dass Galileo für gewöhnliche Anwender wie Autofahrer keine Verbesserung bringe. Und bei Präzisionsanwendungen, wie dem Ausbringen von Saatgut, seien ohnehin andere technische Lösungen in Gebrauch. Als nützlich verbucht Walter aber unter anderem, dass das Satellitensystem einen Rückkanal vorsieht. Damit könnten etwa verunglückte Bergsteiger weltweit ihre Position angeben.

Letztlich sei die Rieseninvestition eine "politische Entscheidung", die vor allem mit dem Wunsch der Unabhängigkeit von den USA zu tun habe, glaubt SWP-Experte Dickow. Dabei spielt für einige EU-Staaten eine wichtige Rolle, dass Galileo auch vom Militär genutzt werden könnte. Total europäisch ist das System nicht einmal beim Start: Natalia und Thijs fliegen mit einer russischen Sojus-Rakete ins All.