Wieder schien die Präsenz von Geld die Menschen verändert zu haben: Je mehr Geld man den Testpersonen hingelegt hatte, desto weniger Stifte hoben sie auf. Geld distanziert also nicht nur, es senkt auch die Hilfsbereitschaft – ein Ergebnis, das zu dem Befund von Studien des Psychologen Paul Piff von der University of California in Berkeley passt, die offenbart haben, dass reiche Menschen (sowohl im echten Leben als auch in experimentellen Versuchsanordnungen) paradoxerweise weniger spenden als Menschen, die nicht ganz so viel auf der hohen Kante haben (was Ausnahmeerscheinungen wie Bill Gates umso bemerkenswerter erscheinen lässt).

Versuche, in denen man Testpersonen unscheinbar an Geld erinnert, wurden mittlerweile in weit mehr als einem halben Dutzend Varianten durchgespielt, stets mit ähnlichem Ergebnis: Wer an Geld und Reichtum erinnert wird, verhält sich danach mehr auf sich selbst bezogen. Geld-Leute sind weniger hilfreich, suchen aber auch umgekehrt weniger die Hilfe ihrer Mitmenschen. Stellt man sie vor die Wahl, eine Aufgabe alleine oder mit einem Partner zu erledigen, wollen sie sich lieber auf eigene Faust durchschlagen. Man könnte sagen: Geld kapselt ab, macht autonom, ja, Geld macht uns zu Einzelgängern.

Teils bringt Geld sogar unsere asoziale Seite zum Vorschein. Das zumindest suggeriert eine Studie, die der Psychologe Piff kürzlich im US-Fachblatt PNAS berichtete . Piff und sein Team hatten das Verhalten Dutzender Verkehrsteilnehmer San Franciscos observiert und festgestellt: Fahrer von großen, teuren Autos verhalten sich durchgehend rüpelhafter als die Verkehrsteilnehmer kleiner, billigerer Wagen. Wer am Steuer eines Oberklassewagens saß, schnitt zum Beispiel an einer Straßenkreuzung häufiger anderen Fahrern den Weg ab. Auch Fußgänger hatten unter den dicken Autos zu leiden: Luxusfahrzeuge bremsten an Zebrastreifen deutlich seltener als die Fahrer bescheidenerer Wagen.

Reichtum macht, wie es scheint, egoistisch und asozial (das heißt auch: In einer reichen Gesellschaft sollte man nicht mit allzu viel Rücksicht und Hilfe seiner Mitmenschen rechnen). Und warum auch nicht? Wer Geld hat, ist grundsätzlich weniger auf die Gunst seiner Mitmenschen angewiesen. Sobald man etwas von seiner sozialen Umwelt braucht, muss man seine Mitmenschen nicht darum bitten – man kann es sich einfach kaufen. Wer Geld hat, kann es sich schlicht leisten, ein asoziales Verhalten an den Tag zu legen.

In einer wohlhabenden Dienstleistungsgesellschaft ist man zum Überleben im Grunde gar nicht mehr auf persönlich-intime Beziehungen – intakte Familienstrukturen, Freunde oder hilfreiche Nachbarn – angewiesen. Es stehen uns ja an allen Ecken und Enden Profis zur Verfügung (von Umzugsfirmen bis hin zu Altersheimen), die uns, wenn die Bezahlung stimmt, nur allzu gerne "zur Seite stehen" (in ärmeren Gesellschaften die Aufgabe von Familien, Nachbarn und Freunden).

Die Konsequenz ist, dass persönliche Beziehungen im Alltag wohlhabender Dienstleistungsgesellschaften systematisch an Bedeutung verlieren, mit Folgen, wie ich meine, für unser Glück. Verkehrsmittel verführen dazu, weniger zu Fuß zu tun – dennoch sind wir für unser körperliches Wohl auf Bewegung angewiesen. Auf ähnliche Weise verführt eine reiche Gesellschaft dazu, unser soziales Leben zu vernachlässigen, auch wenn es für unser psychisches Wohlbefinden das A und O bleibt.

Gut möglich, dass unser Einzelgängertum auch mit ein Grund dafür ist, weshalb wir in der wohlhabenden Welt vermehrt unter Depressionen , Angststörungen und sozialen Phobien leiden. Spätestens wenn wir mit den unvermeidlichen Krisen des Lebens konfrontiert werden, zehrt das chronische Alleinsein an unseren Nerven. Wir brauchen Hilfe, und in unserer Not wenden wir uns an die einzigen Kräfte, die für uns da sind: Profis. Wahrscheinlich könnte eine Gesellschaft, in der jeder über fünf nahestehende Menschen verfügt, die ihm oder ihr ohne Wenn und Aber beistehen, auf 80 Prozent ihrer Psychotherapeuten verzichten.

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus Bas Kasts neuem BuchIch weiß nicht, was ich wollen soll.