Wenn sich Physik und Popkultur begegnen, handelt es sich meistens um ein Missverständnis. Wie im Falle von Peter Higgs, einem mittlerweile 83-jährigen Rentner, der vor 48 Jahren einen guten Einfall hatte. Die Idee sollte eine Schlüsselrolle in dem mikroskopischen Modell einnehmen, mit dem Physiker seit einem halben Jahrhundert das Universum beschreiben. Obwohl er an der eigentlichen Ausarbeitung keinen Anteil mehr hatte, wird die Pionierarbeit dem Schotten – sowie zwei seiner Kollegen, die parallel denselben Mechanismus entwickelten – vermutlich den Nobelpreis sichern.

Zum Popstar taugt indes weder Peter Higgs , noch das nach ihm benannte Teilchen. Als Higgs, dem Menschen, heute auf der großen Verkündung am Kernforschungszentrum Cern das Mikrofon hingehalten wurde, bedankte er sich schüchtern bei den Tausenden Physikern und Technikern, die den weltgrößten Teilchenbeschleunigern zu einem Erfolg gemacht haben. Mehr hatte er nicht zu sagen.

Noch blasser kam das neu entdeckte Teilchen daher: Ein winziger Hubbel in einem Punktediagramm, inmitten Dutzender Folien voller kryptischer Zahlen und griechischer Buchstaben.

Es bedurfte der Übersetzungsarbeit von Cern-Direktor Rolf-Dieter Heuer, um das darin enthaltene Ergebnis zu erklären: Für Laien gelte das Higgs-Teilchen als gefunden, sagte Heuer nach den wissenschaftlichen Vorträgen. Für Physiker ist die Sache allerdings etwas komplizierter. Nach den strengen Regeln der Teilchenphysik fehlt noch eine Haaresbreite, damit man von einer Entdeckung sprechen kann. Die nötige Signifikanz von fünf Sigma kann bisher nur der Atlas-Detektor vermelden, einer von zwei Messsystemen. Das CMS-Experiment, dessen Ergebnisse bereits in den vergangenen Tagen publik wurden , scheitert hingegen knapp an der Hürde.

Hinzu kommt, dass eine Frage bisher unbeantwortet ist: Handelt es sich bei dem Fund tatsächlich um das Higgs-Teilchen? Um sie zu beantworten, müssen noch weitere Messungen und Analysen durchgeführt werden, die nur mit sehr viel Glück Monate, sehr viel wahrscheinlicher aber Jahre dauern werden. Rätselhaft ist etwa, wieso noch kein Überschuss an sogenannten W-Bosonen aus den Teilchenkollisionen in dem unterirdischen Kreisbeschleuniger hervorging. Ohne ihn werden Zweifel bestehen bleiben, ob man es nicht mit etwas ganz anderem als dem Higgs zu tun hat. Auch muss in mühsamer Arbeit der Spin (eine Art Eigendrehimpuls) des Teilchens vermessen werden, genauso wie die bevorzugte Richtung, in die die Zerfallsprodukte schießen.

Längst wird zwischen öffentlicher und wissenschaftlicher Wahrheit getrennt

Solch eine elend lange Spurensuche lässt sich nicht mehr vermitteln. Schon gar nicht einer Öffentlichkeit, die seit Jahren nach dem Higgs lechzt und der schon mehr als einmal erzählt wurde, man habe das " Gottesteilchen " fast am Wickel – diesmal wirklich! So ist es nur konsequent, dass man sich heute schon für die Flucht nach vorne entschieden hat. Als Folge gibt es jetzt zwei neue Teilchen am Cern: Das Higgs-Teilchen, aufgebahrt auf dem Altar der Popkultur. Und ein rätselhaftes Partikel, das Physiker noch viele Jahre beschäftigen wird.

Die Trennung von wissenschaftlicher und öffentlicher Wahrheit ist eine logische Entwicklung in einer Zeit, in der Forschung unter permanentem Rechtfertigungsdruck steht. Allen Disziplinen voran gilt das für die Teilchenphysik , deren Experimente teuer, abstrakt und kaum noch erklärbar sind. Im Falle des Large Hadron Collider am Cern kam noch mehr hinzu. Zunächst startete das Experiment mit jahrelanger Verspätung, dann fiel der bereits eingeweihte Beschleuniger 14 Monate lang wegen eines technischen Defekts aus. Und als wäre der Druck noch nicht groß genug, verbreiten in den letzten Jahren aufmerksamkeitsgierige Blogger jedes Geflüster von den Fluren physikalischer Institute im Internet.

Ob es sich auszahlt, wissenschaftliche Standards für die Besänftigung der Öffentlichkeit aufzuweichen, muss sich noch zeigen. Das Higgs-Teilchen wird nicht die letzte Sensation in der Grundlagenforschung sein, die Menschen über lange Zeit herbeisehnen. An den Rändern des physikalischen Weltbildes lauert längst das Unbekannte. Es trägt Kunstnamen wie Dunkle Energie und Dunkle Materie und füllt zu 96 Prozent den Kosmos. Es wird etliche Jahre voll von Gerüchten und Enttäuschungen brauchen, um Licht ins Dunkel zu bringen – sofern es überhaupt gelingt. Man kann nur hoffen, dass man Forschern auch dann noch die Ruhe und Zeit gibt, die sie für sichere Antworten brauchen. Und nicht erwartet, dass sie sich erneut dem Takt der Popkultur hingeben.