Solch eine elend lange Spurensuche lässt sich nicht mehr vermitteln. Schon gar nicht einer Öffentlichkeit, die seit Jahren nach dem Higgs lechzt und der schon mehr als einmal erzählt wurde, man habe das " Gottesteilchen " fast am Wickel – diesmal wirklich! So ist es nur konsequent, dass man sich heute schon für die Flucht nach vorne entschieden hat. Als Folge gibt es jetzt zwei neue Teilchen am Cern: Das Higgs-Teilchen, aufgebahrt auf dem Altar der Popkultur. Und ein rätselhaftes Partikel, das Physiker noch viele Jahre beschäftigen wird.

Die Trennung von wissenschaftlicher und öffentlicher Wahrheit ist eine logische Entwicklung in einer Zeit, in der Forschung unter permanentem Rechtfertigungsdruck steht. Allen Disziplinen voran gilt das für die Teilchenphysik , deren Experimente teuer, abstrakt und kaum noch erklärbar sind. Im Falle des Large Hadron Collider am Cern kam noch mehr hinzu. Zunächst startete das Experiment mit jahrelanger Verspätung, dann fiel der bereits eingeweihte Beschleuniger 14 Monate lang wegen eines technischen Defekts aus. Und als wäre der Druck noch nicht groß genug, verbreiten in den letzten Jahren aufmerksamkeitsgierige Blogger jedes Geflüster von den Fluren physikalischer Institute im Internet.

Ob es sich auszahlt, wissenschaftliche Standards für die Besänftigung der Öffentlichkeit aufzuweichen, muss sich noch zeigen. Das Higgs-Teilchen wird nicht die letzte Sensation in der Grundlagenforschung sein, die Menschen über lange Zeit herbeisehnen. An den Rändern des physikalischen Weltbildes lauert längst das Unbekannte. Es trägt Kunstnamen wie Dunkle Energie und Dunkle Materie und füllt zu 96 Prozent den Kosmos. Es wird etliche Jahre voll von Gerüchten und Enttäuschungen brauchen, um Licht ins Dunkel zu bringen – sofern es überhaupt gelingt. Man kann nur hoffen, dass man Forschern auch dann noch die Ruhe und Zeit gibt, die sie für sichere Antworten brauchen. Und nicht erwartet, dass sie sich erneut dem Takt der Popkultur hingeben.