Irgendwann im Jahr 563 bricht am Genfer See die Hölle los: In der Nähe der heute nicht mehr genau lokalisierbaren Burg Tauredunum im Rhone-Tal rutscht ein Berg zu Tal, staut den Fluss auf und sorgt für riesige Wellen auf dem Alpensee. Bis zu 13 Meter hohe Wasserwände branden gegen die Ufer auf Höhe der heutigen Städte Lausanne , Genf oder Evian-les-Bains. Selbst die Stadtmauern von Genf werden überspült, insgesamt sterben Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Menschen durch die Naturkatastrophe, die weite Teile des Umlands zerstört.

Wie das Unglück jedoch exakt ablief, blieb bis heute ungeklärt: Löste der Bergsturz direkt die Tsunamis aus? Oder staute er die Rhone auf, deren Wassermassen sich dann unheilvoll in den See ergossen, als der temporäre Gesteinsdamm unter dem Gewicht der steigenden Pegel dahinter nachgab und brach? Katrina Kremer von der Universität Genf und ihre Kollegen haben deshalb den Boden des Genfer Sees mit hochpräzisem Sonar abgetastet, um die Sedimentationsgeschichte des Binnengewässers auf plötzliche Masseneinträge zu untersuchen. Tatsächlich wurden sie zwischen Lausanne und Evian-les-Bains fündig: Auf mindestens zehn Kilometern Länge und fünf Kilometern Breite ruht hier ein mächtiges Sand- und Schlammpaket mit einem Volumen von 250.000 Kubikmetern – das entspricht mehreren Zehntausend Tonnen Sediment.

Da sich die Ablagerungen nach Südosten hin verdicken, verorten die Forscher den Ursprung dieser Massen im Rhone-Delta. Altersbestimmungen aus daraus gewonnenen Bodenproben belegen, dass die Erdmassen dort zwischen dem Jahr 256 und 612 niedergegangen sein müssen. Da aus dieser Zeit kein anderes schweres Unglück historisch vermerkt ist, gehen Kremer und Co davon aus, dass sie Folge des Tauredunum-Bergsturzes waren . Allerdings stammen sie nicht direkt davon ab; sie lösten stattdessen eine Kettenreaktion aus: Das Gewicht und die Wucht, mit der Tausende Tonnen Gestein auf die weichen Ablagerungen in Ufernähe prallten, destabilisierten demnach die Sedimente im Rhone-Delta, die dadurch kollabierten und als riesiger Schlamm- und Schuttstrom in die Tiefen des Genfer Sees rauschten.

Dabei verdrängten sie genügend Wasser, um Tsunamis auszulösen, die sich an den Ufern zu haushohen Wellen aufstauten. Laut einer Modellsimulation erreichten bis zu 13 Meter hohe Fluten Lausanne schon nach 15 Minuten, und Genf traf es nach 70 Minuten mit immerhin noch acht Meter hohen Wellen. Eine Rekonstruktion der damaligen Uferlinien, Wasserstände und Stadtanlagen Genfs deutet an, dass diese Tsunamis ausreichten, um den Befestigungsring der Stadt zu überwinden und Brücken sowie die in den Chroniken als Verlust verzeichnete Mühle zu zertrümmern.

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Obwohl seit bald 1.500 Jahren keine derartige Katastrophe mehr am Genfer See auftrat, geben die Geologen keine Entwarnung: Mehrfach sei es während der letzten paar Tausend Jahre zu vergleichbaren Massenbewegungen gekommen, die ihre Spuren im Seegrund hinterlassen hätten. Zudem bauten sich im Mündungsbereich der Rhone seit 536 neuerlich instabile Sedimentschichten auf, die nicht nur durch einen Bergsturz, sondern auch durch lokale Erdbeben oder sogar schwere Stürme zusammenbrechen könnten. Wegen seiner exponierten und verglichen mit dem momentanen Wasserstand tiefen Lage am Ende eines trichterförmig zulaufenden Sees müsse Genf in diesem Fall als besonders gefährdet gelten, so Kremer.

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