Seit 30 Jahren ist Pioneer 10 janz weit draußen – Seite 1

Das wird sicher ein Aufruhr im Aldebaran-System in rund zwei Milliarden Jahren. Vorausgesetzt, den Roten Riesen umkreisen Planeten, auf denen sich intelligentes Leben entwickelt hat. Dann dürfte ein aldebaranischer Vorgartenbesitzer staunen über das zerbeulte Flugobjekt, das in seinen gepflegten lila Rasen einschlägt. Zum Glück hat das Ding eine Botschaft dabei, die erklärt, woher es kommt, wer es gebaut hat und dass das alles nicht böse gemeint ist. Ob der Aldebaraner sie allerdings versteht, ist fraglich. Erste Voraussetzung wäre, dass er Sinnesorgane hat, um sie wahrzunehmen.

Pioneer 10 heißt das UFO. Es kommt aus 67 Lichtjahren Entfernung, von einem kleinen blauen Planeten. Nach der dort ortsüblichen Zeitrechnung ist es am 3. März 1972 gestartet. Mit an Bord der Jupiter-Sonde: eine knapp 23 Zentimeter breite und 15 Zentimeter hohe Aluminiumplatte, zum Schutz vor Korrosion mit Gold überzogen.

Auf der Plakette sind Piktogramme eingraviert, die erklären sollen, woher das Ding stammt. Sie zeigen unter anderem einen nackten Mann und eine nackte Frau, zum Größenvergleich vor der Silhouette der Pioneer 10. Außerdem die Position der Sonne relativ zu vierzehn Pulsaren in der Milchstraße, eine schematische Darstellung des Sonnensystems mit dem Startort der Sonde sowie eine des Hyperfeinstrukturübergangs eines Wasserstoffatoms.

Hyperfein... was? Der gewöhnliche Erdenbewohner versteht nur Weltraumbahnhof. Dabei sind sie sich bei der Nasa sicher: "Jeder aus einer wissenschaftlich gebildeten Zivilisation, die genug über Wasserstoff weiß, könnte diese Botschaft übersetzen."

Der Astrophysiker und Fernsehmoderator Carl Sagan, der die Botschaft entworfen hat, setzt also bei extraterrestrischen Lebensformen nicht nur das Vorhandensein eines Sehsinns voraus, sondern auch wissenschaftliche Vorbildung. Oder zumindest die Geistesgegenwart, den vom Himmel gestürzten Metallhaufen jemandem zu zeigen, der sich mit Astronomie, Chemie und Physik auskennt.  

Der Gedanke, dass die Sonde eine Botschaft an Außerirdische mitnehmen soll, stammt von dem Wissenschaftsjournalisten Eric Burgess. Sagan unterbreitet sie der US-Weltraumbehörde Nasa, die gibt ihm drei Wochen Zeit für die Umsetzung. Seine damalige Ehefrau Linda fertigt die Zeichnungen an.

Vom Kurs abgewichen

Dass Pioneer 10 als erste Sonde durch den Asteroidengürtel in das äußere Sonnensystem vorstößt, dass sie viele wertvolle Erkenntnisse vom Jupiter schickt, dass sie dessen Monde fotografiert und sein starkes Magnetfeld dokumentiert – all das verblasst gegen diesen faszinierendsten Aspekt ihrer Reise: Als erstes von Menschen gemachtes Objekt verlässt sie das Sonnensystem. Am 13. Juni 1983 kreuzt sie die Bahn des Neptun und erreicht den interstellaren Raum.

Auf ET trifft sie an dieser imaginären Grenze zum "Deep Space" nicht. Aber sowohl bei Pioneer 10 als auch bei ihrer am 6. April 1973 gestarteten Nachfolgerin Pioneer 11 tritt ein (erst später bemerkter) Effekt auf, der als Pioneer-Anomalie die Fantasie der Wissenschaftler beflügelt: Eine leichte Beschleunigung in Richtung Sonne bringt die Raumfahrzeuge vom Kurs ab. Immer wildere Erklärungsversuche vom Rechenfehler bis zu unsichtbarer Dunkler Materie werden diskutiert.

Auch die "Voyager" hat eine Botschaft für Außerirdische an Bord

Erst seit Kurzem gilt das Rätsel als gelöst: Die Batterien der Sonden strahlen Wärme ab, und zwar vor allem in eine Richtung. Das erzeugt einen winzigen aber auf Dauer relevanten Rückstoßeffekt. Es ist in etwa so, als würde ein Auto rückwärts rollen, weil seine Scheinwerfer an sind und daher Photonen ausstoßen – auf der Erde eine absurde Vorstellung, aber in der Schwerelosigkeit reicht es nach dreißig Jahren für Kursabweichungen von einigen Hunderttausend Kilometern.

Die Batterien schwächeln allerdings bald nach dem Vorbeiflug am Jupiter, mit dem die Sonde ihre eigentliche Aufgabe erfüllt hat. Nach und nach muss die Nasa die Instrumente abschalten. Im März 1997 erklärt sie die Mission für beendet; damit steht offiziell kein Geld mehr für Pioneer zur Verfügung.

Seit 2003 ist sie stumm

Weil Besatzungen in Nasa-Kontrollzentren an der Sonde den Umgang mit langen Signallaufzeiten trainieren, gelangen doch noch Daten zur Erde. Die letzte Rückmeldung auf einen Befehl kommt im Februar 2000, das letzte identifizierbare Signal am 22. Januar 2003. Seitdem reist Pioneer 10 stumm durch unendliche Weiten. 31 Jahre hat sie gehalten, ausgelegt war sie nur für die 21 Monate der Jupiter-Mission.

Der entfernteste Vorposten der Menschheit ist Pioneer aber nicht mehr: Die 1977 gestartete Raumsonde Voyager fliegt schneller und "überholt" (wenn auch in anderer Richtung) ihre Ahnin am 17. Februar 1998. Auch sie hat eine Botschaft an Bord: die "Voyager Golden Record", eine Schallplatte aus vergoldetem Kupfer, enthält Bild- und Tonmaterial, das ein Team unter Leitung Sagans zusammengestellt hat.

Die Außerirdischen, die die Voyager finden, haben Glück. Das Material ist leichter zugänglich als das der Pioneer-Plakette – unter anderem 90 Minuten Musik von Bach bis Chuck Berry, Geräusche von der Erde, Grüße in 55 Sprachen. Und eine Botschaft des damaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim. Außerirdische werden als Stimme der Menschheit ausgerechnet ein ehemaliges SA-Mitglied kennenlernen, einen Helfershelfer von NS-Kriegsverbrechern. Aber das wissen sie ja nicht da draußen im Sternbild Giraffe.