Not macht erfinderisch, heißt es. Glaubt man der Hirnforschung, macht sie allerdings auch dumm. Für den Moment jedenfalls. Amerikanische Wissenschaftler berichten, dass Geldprobleme unser Denkvermögen beeinträchtigen können. Existenzängste nehmen das Gehirn offenbar so stark in Anspruch, dass man sich kaum noch auf andere mentale Aufgaben konzentrieren kann, schreiben sie im Magazin Science.

Das würde bedeuten, dass ärmere Menschen es durch solche Effekte zusätzlich schwer hätten, einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden: "Finanzielle Nöte wirken sich auf die Konzentration aus, man macht also mehr Fehler", sagt der Psychologe Eldar Shafir von der Universität Princeton. "Und diese Fehler können Arme im schlimmsten Fall noch ärmer machen."

Schon ältere Studien haben ergeben, dass Menschen, die wenig Geld zum Leben haben, zu Verhaltensweisen neigen, die ihrem eigenen Wohl schaden: Sie kommen zum Beispiel öfter zu spät zu Terminen, arbeiten weniger produktiv, halten sich häufiger als andere nicht an Anweisungen ihres Arztes und können schlechter mit Geld umgehen. 

Warum das so ist, ist unter Wissenschaftlern höchst umstritten. Die einen argumentieren, dass Armut oft mit einem niedrigeren Bildungsstand einhergeht und Arme es schlicht "nicht besser wissen". Andere halten dagegen, dass Menschen ohne ausreichend Geld schlechtere Chancen haben, Erwartungen zu erfüllen: Sie kommen zum Beispiel zu spät, weil sie kein Auto haben und auf den Bus angewiesen sind. Wieder andere verweisen auf das Henne-Ei-Problem und sehen die Ursache der Armut in von vornherein geringeren Fähigkeiten bestimmter Menschen.

Ärmere Menschen sind nicht weniger intelligent

Shafirs Team und zwei weitere Forschergruppen von den Universitäten Harvard und British Columbia stellen solche Erklärungen infrage. Mit einer Reihe von Experimenten zeigen sie, dass die Geldsorgen allein Menschen zu Fehlentscheidungen bringen – und zwar unabhängig von den äußeren Lebensumständen.

Für ihr erstes Experiment konnten sie rund hundert Besucher eines Einkaufszentrums in New Jersey gewinnen. Diese hatten im Mittel ein Haushaltseinkommen von 70.000 Dollar im Jahr, wobei das niedrigste Jahreseinkommen bei 20.000 Dollar lag. Sie untersuchten also nicht absolut mittellose Menschen, sondern bildeten eine Einkommensskala von vergleichsweise wenig bis viel.

Zunächst teilten die Forscher die Studienteilnehmer in zwei Gruppen auf. Alle wurden gebeten, sich in hypothetische Situationen zu versetzen, die in irgendeiner Weise mit finanziellen Problemen verbunden waren.

Im Prinzip wurden beide Gruppen mit denselben Szenarien konfrontiert. Zum Beispiel sollten sie sich vorstellen, dass ihr Auto kaputt sei und überlegen, wie sie das Geld für die Reparatur auftreiben könnten. Der einzige Unterschied waren die Geldbeträge: Während die eine Gruppe nur 150 Dollar bezahlen sollte, also ein eher kleines Geldproblem lösen musste, beliefen sich die Kosten bei der anderen Gruppe auf 1.500 Dollar.

Die Teilnehmer mussten nicht sofort antworten, sondern durften sich Zeit nehmen, um das Geldproblem zu lösen. Die Forscher gingen davon aus, dass sie in dieser Zeit auch über ihre eigenen Finanzen nachdachten – schließlich sollten sie diese in ihre Überlegungen mit einbeziehen. "Die Szenarios sollten bewirken, dass sie sich all ihre Geldsorgen vergegenwärtigen", sagt Shafir.  

Geldsorgen machen vorübergehend dumm

Während die Testpersonen über die Szenarien nachgrübelten, wurde ihre kognitive Leistungsfähigkeit mit verschiedenen Tests am Computer ermittelt. Logisches Denkvermögen und die Fähigkeit zur Problemlösung wurden etwa mit dem "Ravens"-Test gemessen, der Bestandteil vieler Intelligenztests ist: Er konfrontiert Testpersonen unter anderem mit Mustern, in die sie passende Puzzlestückchen einfügen sollten.  Diese Tests ergaben, dass Wenig- und Vielverdiener im Durchschnitt gleich intelligent waren. 

In der Gruppe, die zuvor ein vergleichsweise "harmloses" Geldproblem lösen sollten, schnitten die Teilnehmer im Intelligenztests entsprechend etwa gleich gut ab.

Unter denen, die die Forscher mit größeren Geldverlusten konfrontiert hatten, zeigten sich hingegen starke Unterschiede: Wenigverdiener meisterten die Denkaufgaben deutlich schlechter als Versuchspersonen mit einem hohen Einkommen. "Das heißt keinesfalls, dass Arme weniger intelligent sind als Reiche", sagt Zweitautor Sendhil Mullainathan. Vorübergehend könnten akute Geldsorgen ihre Denkfähigkeit jedoch stark beeinträchtigen.

Wer wenig hat, plant kurzfristiger

Für ihr zweites Experiment reisten die Forscher nach Indien. Viele indische Bauern werden üblicherweise nur einmal im Jahr bezahlt: nach der Zuckerernte. Und genau deshalb waren sie für die Forscher interessant. Ihre finanzielle Situation verschlechterte sich über die Monate hinweg drastisch. Viele von ihnen erlebten Jahr für Jahr einen Abstieg von "wohlhabend" zu "bettelarm".

Mit rund 460 von ihnen führten die Forscher vor und nach der Ernte Intelligenztests durch. Dabei zeigte sich, dass die Farmer vor der Ernte, also in der finanziell schwierigen Phase, deutlich schlechtere Ergebnisse erzielten als danach. Ihr IQ sank in der "armen Zeit" um mindestens zehn Punkte. Andere Faktoren, die das Ergebnis hätten beeinflussen können – wie etwa eine zunehmend schlechte Ernährung mit wachsender Armut oder einen Trainingseffekt im zweiten IQ-Test – konnten die Forscher ausschließen.

"Armut macht vorübergehend dumm" – so lautet überspitzt formuliert das Fazit der Wissenschaftler. Dafür mögen sich in der Geschichte zahlreiche Gegenbeispiele finden lassen. Dass ein Zusammenhang zwischen Armut und kontraproduktiven Verhaltensweisen besteht, ist allerdings schon in mehreren Studien festgestellt worden.

Laut Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster von der Universität Gießen liegt das daran, dass Menschen, die sehr wenig haben, gezwungen sind, in einer "Kurzfristperspektive" zu denken. Tagein, tagaus müssen sie befürchten, dass ihr Geld nicht mehr für das Abendessen oder das nächste Schulbuch reichen könnte. "Solche kurzfristigen Sorgen beeinträchtigen sie in der Möglichkeit und Fähigkeit, langfristige Ziele zu verfolgen", sagt Huster. Dieses langfristige Planung sei aber enorm wichtig, um im Leben voranzukommen – und eben auch, um einen Weg aus der Armut zu finden.