Chaos ist Alltag am AKW Fukushima – Seite 1

Der Reporter gibt nicht nach. Fragt, wieso man von dem Leck nicht früher gewusst habe. Hakt nach, wie es denn sein könne, dass immer noch alles so chaotisch abläuft auf der Anlage. Es sind ungewöhnliche Szenen für eine japanische Pressekonferenz, bei denen normalerweise Zurückhaltung das oberste Gebot ist. Aber schließlich geht es um dem Reaktorbetreiber Tepco und die Wasseraufbereitung am AKW Fukushima Daiichi. Mal wieder.

Dort sind zuletzt sechs Arbeiter mit stark radioaktiv belastetem Wasser in Berührung gekommen, nachdem einer versehentlich ein Verbindungsrohr entfernt hatte. Aus der Aufbereitungsanlage für das Kühlwasser floss daraufhin kontaminiertes Wasser heraus. Wie japanische Medien berichten, könnte es sich um bis zu sieben Tonnen gehandelt haben. Das Wasser war vor allem mit dem Beta-Strahler Strontium-90 kontaminiert. Die japanische Atombehörde geht derzeit von einer Belastung von 37 Millionen Becquerel pro Liter aus.

Das Gesundheitsrisiko für die sechs Arbeiter hält Werner Kirchinger für gering. Er ist der Nuklearmediziner am Institut für Strahlenschutz des Helmholtz-Zentrums München. "Solange keiner etwas vom Wasser verschluckt hat, ist die Gefahr überschaubar", sagt Kirchinger. Angeblich haben die Arbeiter wohl kein Wasser verschluckt, glaubt man den Meldungen. 

Ein Grund zur Beruhigung ist das aber nicht: Der neue Fall fällt in eine Reihe verschiedener Pannen auf der Reaktorruine. So war am 7. Oktober bereits eine der Pumpen für das Kühlwasser im Reaktor versehentlich abgestellt worden. Hans-Josef Allelein vom Lehrstuhl für Reaktorsicherheit der RWTH Aachen sagt, dass dies zwar verhältnismäßig unproblematisch gewesen sei, da die sogenannte Nachzerfallswärme im Reaktor mehr als zwei Jahre nach dem Unfall gering sei. Trotzdem ist der Experte besorgt: "Natürlich kann man den Druck auf die Leute dort vor Ort verstehen. Doch diese Reihe an Pannen ist einfach unprofessionell."

In dieses Bild passt auch der Vorfall, der am 3. Oktober bekannt wurde. Einige der Aufbewahrungstanks für das kontaminierte Wasser standen auf einer Schräge des Geländes. Statt jedoch die Wasserstandsmesser auf der niedrigeren Seite anzubringen, hatten die japanischen Ingenieure die Messinstrumente auf der Bergseite der Tanks angebracht. Während also die Messinstrumente anzeigten, dass die Tanks noch befüllbar wären, schwappte auf der unteren Seite das Wasser bereits in Strömen heraus. Auch zuvor waren zahlreiche Lecks in den Tanks gefunden worden, aus denen das kontaminierte Wasser herausgetreten war.

Technische Hilfe allein reicht nicht

Das Wasserproblem ist der Faktor, den Allelein als größte Herausforderung sieht. Dadurch, dass man nicht früh genug einen genügend großen und dichten Kühlkreislauf hergestellt habe, falle immer mehr verbrauchtes, radioaktiv kontaminiertes Wasser an. Zwar werde dieses derzeit noch in den Tanks gespeichert. Früher oder später müsse man es jedoch ins Meer verdünnt einlassen, da es keine andere Lösung gebe. 

Schon 2011 hatten Ingenieure an der beschädigten Reaktoranlage belastetes Wasser ins Meer ablassen müssen. Damals ging es darum, in der akuten Gefahrenlage Platz für noch stärker verseuchtes Wasser zu schaffen und den Kühlkreislauf aufzubauen.

Angesichts dieser Lage hat die japanische Regierung inzwischen die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten. Konkrete Gesuche an die deutsche Regierung oder Unternehmen in Deutschland gab es bisher nicht. Experten zweifeln zudem daran, dass rein technische Hilfe ausreichen würde. "Bessere Dichtungssysteme und Ähnliches, diese Maßnahmen kratzen nur an der Oberfläche. Was es wirklich braucht, ist vollständige Transparenz und internationale Fachleute, die im Grunde das Managment von Tepco austauschen", sagt Wolfgang Renneberg, früherer Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium.

Renneberg und Allelein sind sich darin einig, dass es erfahrene Krisenmanager brauche, um die Lage dauerhaft in den Griff zu bekommen. Dafür kommen ihrer Meinung nach vor allem Experten aus den USA, Frankreich und auch Deutschland in Frage.

Die internationale Atombehörde IAEA plant derweil eine Messungsmission für das Gebiet rund um das AKW Fukushima vom 14. bis zum 21. Oktober. Ihr jedoch die Leitung für die Stabilisierung von Fukushima zu geben, hält Renneberg für keine Option: "Die IAEA hat mehrmals die Chance dazu gehabt, aber sie war nie transparent und hat nie richtig durchgegriffen."