Paläoanthropologie - Forscher fordern Artentod für Homo-Spezies Wissenschaftler haben in Georgien einen Schädel entdeckt, der die Verwandtschaftsverhältnisse unserer Vorfahren infrage stellt. Sie behaupten: Homo habilis und Homo rudolfensis haben nie existiert.

Dmanisi im Südosten Georgiens ist ein Paradies für Paläoanthropologen. Dort lässt es sich aufgrund schönster Aussicht und gemäßigtem Klima nicht nur wunderbar graben. Seit den neunziger Jahren stoßen Forscher auch immer wieder auf versteinerte Knochen unserer frühen Vorfahren. Fünf davon sind von ganz besonderem Interesse. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Evolutionsgeschichte des Menschen schon mehrfach umgeschrieben wurde. Nun scheint es wieder mal soweit.

Seit ihrer Entdeckung suchen Wissenschaftler nach dem rechten Platz der Dmanisi-Menschen im Stammbaum. Dass sie der Gattung Homo angehörten und schon vor 1,8 Millionen Jahren in der Gegend lebten, bezweifelt niemand mehr; Steinwerkzeuge, die neben den Überresten gefunden wurden, und die Form ihrer Schädel sind der Beweis. Um welche Art es sich handelt, ist jedoch seit Jahren umstritten. Manche Forscher gehen gar nicht von nur einer Homo-Spezies aus, es sollen verschiedene Arten friedlich vereint in Georgiens Gestein gebettet sein: Homo erectus und bislang unbekannte, denen es noch an Namen fehlt.

Der Schädel "Skull 5", über den das Forscherteam um David Lordkipanidze im Magazin Science berichtet, wird diese Debatte neu anfachen. Das Fossil soll belegen, dass die Unterscheidung endgültig nichtig ist, und die frühsten Mitglieder der Homo-Gattung nur einer Spezies angehörten.

Das klassische Huhn-Ei-Problem

"Skull 5" besteht aus dem Gesichtsschädel D4500 und dem Unterkieferknochen D2600 und ist der erste vollständige Hominiden-Schädel aus der Zeit vor 1,8 Millionen Jahren. Er vereint erstmals große Gesichtsknochen und ein kleines Gehirn. "Niemand hätte gedacht, dass es diese Kombination gibt", sagt Co-Autor Christoph Zollikofer vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich.

Wären diese Teile des Schädels Einzelfunde gewesen, hätten sie die meisten Paläoanthropologen zwei verschiedenen Arten zugeordnet. Ein altbekanntes Problem, für das es gute Gründe, aber keine Lösung gibt. So haben Paläoanthropologen aus rund sieben Millionen Jahren Menschheitsgeschichte bloß ein paar Tausend Knochenteile, manchmal nur einzelne Zähne. Auf hundert Generationen kommt damit gerade einmal ein Fossil. Jedes löst daher intensive Spekulationen aus.

"Die Bestimmung von fossilen Homo-Spezies ist ein klassisches Huhn-Ei-Problem: Spezies werden um Einzelfunde herum konstruiert, und die Paläoanthropologen gehen in der Regel davon aus, dass solche Einzelfunde repräsentativ für ihre Spezies sind", sagt Zollikofer. Statistisch sei das nicht realistisch, auch führe es dazu, dass nachfolgende Fossilienfunde den historisch gewachsenen Spezies zugeordnet werden. "Mit den fünf Dmanisi-Funden konnten wir nun erstmals zeigen, dass das nicht gut funktioniert: Wenn wir die klassischen Bestimmungskriterien auf die Schädel anwenden, müssten wir einige davon gleichzeitig zwei verschiedenen Arten zuordnen", erklärt der Paläoanthropologe.

Für Zollikofer geht es weniger um seinen durchaus spektakulären Fund, als um das Prinzip. "Homo-Arten sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen", sagt der Schweizer. Klingt es doch gut, wenn mit einem einzelnen Schädel, Becken- oder Fingerknochen nicht nur neue Merkmale einhergehen, sondern auch gleich ein neuer Name. Aber die Unterscheidungen führten in die Irre, ist Zollikofer überzeugt. "Wir plädieren daher für eine Vielfalt innerhalb einer Art und gegen eine Artenvielfalt."

Die Dmanisi-Funde würden sich nicht mehr voneinander unterscheiden als fünf Individuen unter Schimpansen oder Menschen. Auch stammen sie alle aus derselben Zeit und lebten am selben Ort. "Da fragt man sich schon, ob es berechtigt ist, hier wie bisher von unterschiedlichen Arten zu sprechen", sagt auch Ottmar Kullmer von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Er begrüßt Zollikofers Vorhaben, den Schreibtisch der Paläontologen aufzuräumen.