Noch eine Kleidergröße kleiner, noch ein Gramm weniger – auch wenn sie schon bis auf die Knochen abgemagert sind, haben Magersüchtige keinen Appetit. Häufig sind Frauen betroffen, doch auch Männer können an einer Anorexia nervosa leiden. Die Erkrankung ist zwar selten, doch zählt sie als tödlichste psychische Störung weltweit. Mehr als jeder zehnte Betroffene stirbt an den Folgen.

Für Jugendliche, die erkranken, gibt es bereits Erfahrungen, wie Therapeuten am besten helfen können. "Bisher gab es aber wenige Studien zu der Behandlung von Erwachsenen mit Anorexie. Das wollten wir mit unserer Studie ändern", sagt Stephan Zipfel. Der Direktor der Abteilung Psychosomatik an der Universitätsklinik Tübingen ist einer der Leiter der aktuellen Untersuchung. Sie ist im Magazin Lancet erschienen.

242 Frauen aus zehn deutschen Städten nahmen die Wissenschaftler in ihre Studie auf. Alle litten an Magersucht. Die Teilnehmerinnen verteilten die Forscher auf drei verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Behandlungsmethoden. Untersucht wurde die gängige Therapie, die allerdings intensiver als derzeit üblich strukturiert war, und zwei neuere Ansätze. Anschließend wurden die Fortschritte nach zehn Monaten und jeweils 40 Einzelsitzungen für jede Patientin ausgewertet und die Erkrankten weiter beobachtet.

80 Magersüchtige behandelten Therapeuten mit der psychodynamischen Psychotherapie. Sie konzentriert sich vor allem auf Beziehungen und Konflikte der Erkrankten zu anderen Menschen in ihrem Umfeld. Weitere 80 Personen unterzogen sich einer kognitiven Verhaltenstherapie. Hier ging es vor allem darum, den Patientinnen mit Essensplänen und Motivationstraining ihre Erkrankung bewusst zu machen. Die dritte Gruppe mit 82 Menschen schließlich wurde mithilfe der schon existierenden Richtlinien behandelt, ohne dass die Therapie speziell auf eine Magersucht angepasst wurde.

Beziehungskonflikte könnten größere Rolle spielen

Die Ergebnisse machen Mut. Zu Anfang hatte in allen drei Gruppen noch jeweils eine Mehrheit einen Body Mass Index (BMI) von weniger als 17,5. Eine durchschnittliche Frau in Deutschland käme dabei auf ein Gewicht von unter 47 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,65 Meter. 22 Monate später ging es den meisten Patientinnen besser, im Schnitt lag der BMI-Wert in allen Gruppen über 17,5.*

Einen Therapieerfolg stützten die Studienautoren aber nicht allein auf eine Gewichtszunahme. Auch die psychische Verfassung der Behandelten werteten die Forscher aus. Wenngleich sich die Unterschiede der drei geprüften Therapien vor allem im Detail zeigten, schnitten die zwei neueren Methoden besser ab als die derzeit gängige Behandlung. Aus Letzterer stiegen im Verlauf der Studie 41 Prozent der Patienten aus. Die kognitive Verhaltenstherapie mit Essensplänen und Motivationstraining brachen hingegen nur 34 Prozent ab. Lediglich 23 Prozent beendeten vorzeitig die auf zwischenmenschliche Beziehungen spezialisierte psychodynamische Psychotherapie. Auch bei der Zahl der zusätzlichen Krankenhausaufenthalte aufgrund von akuten Notfällen erzielten die behandelnden Therapeuten mit den neuen Methoden bessere Erfolge.

Fachkollegen, die nicht an der Studie beteiligt waren, bewerten die Ergebnisse daher positiv. Günther Reich, Psychologe an der Universität Göttingen sagt: "200 Testpersonen bei diesem für Erwachsene eher seltenen Krankheitsbild, das ist definitiv eine solide und eine gute Zahl." Reich schätzt, dass rund 80 bis 90 Prozent der Magersüchtigen Jugendliche in der Pubertät sind.

Die Ergebnisse der Studie belegen, dass die bisherige Regeltherapie durchaus erfolgreich gegen Magersucht ist, wenn sie intensiver als derzeit üblich angewandt wird. Sie zeigen aber auch, dass sich Jugendliche und Erwachsene nicht so sehr in ihren Therapiebedürfnissen unterscheiden. Bisher war man davon ausgegangen, dass für jugendliche Patienten die Beziehungsverhältnisse viel wichtiger für die Linderung ihrer Krankheit sind. Schließlich wohnen sie meist noch zu Hause und haben eine enge, wenn auch durch die Pubertät meist angespannte Beziehung zu den Eltern.

Die vergleichsweise hohe Erfolgsquote einer psychodynamischen Psychotherapie zeigt jedoch, dass auch für Erwachsene Beziehungskonflikte eine weit größere Rolle spielen könnten. Ihre Behandlung scheint vielen Magersüchtigen effektiver zu helfen, die Ursachen ihrer Krankheit zu bekämpfen. Allerdings schlagen Therapien nicht bei allen Betroffenen an. Trotz der positiven Entwicklung während der Studie beobachteten die Leiter der Untersuchung, dass  ein Jahr nach Ende der Therapie ein Viertel der Patientinnen noch immer an einer voll ausgeprägten Magersucht litt.

*Anm. d. Red.: in einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass nur in der Regeltherapiegruppe einzelne Patientinnen nach 22 Monaten noch einen BMI-Wert von unter 17,5 hatten. Tatsächlich gab es in allen Gruppen vereinzelt Patientinnen, deren Body Mass Index am Ende der Studie nicht über 17,5 lag.