Ein Haar, ein paar Schweißreste, geringe Spuren von Blut und Urin – das ist alles, worauf Schweizer Forscher des Instituts für Radiophysik des Universitätsklinikums (CHUV) in Lausanne ihre Vermutung stützen, der ehemalige Palästinenserführer Jassir Arafat sei an einer Polonium-Vergiftung gestorben. Eindeutige Beweise dafür, was das wochenlange Siechtum auslöste, an dessen Folgen Arafat schließlich starb, liefern sie nicht. Dennoch unterstützen sie "zurückhaltend (moderately) die These, dass der Tod Konsequenz einer Vergiftung mit Polonium-210 war".

Einiges spricht dafür. Zunächst wäre da das unerklärliche und plötzliche Leiden Arafats in der Zeit vor seinem Tod. Die Ärzte konnten dafür nie eine Erklärung finden. Die Symptome des Palästinenserpräsidenten ähnelten zudem denen, die Menschen zeigen, deren Körper radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen ist.

Der 75-Jährige musste sich am Abend des 12. Oktober 2004 im Westjordanland von Ärzten behandeln lassen: Ihm war übel, er erbrach sich, klagte über schwere Unterleibsschmerzen und litt an Durchfall. Als sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechterte, er an Blutungen litt und nur noch mäßig ansprechbar war, wurde er nach Frankreich ausgeflogen. Im Militärkrankenhaus Percy in Clamart nahe Paris starb der palästinensische Präsident schließlich am 11. November an einer Hirnblutung.

Trotz zahlreicher Untersuchungen und angefragter Spezialisten konnte die Ursache für Arafats Symptome nicht festgestellt werden. Nach seinem Tod gab es keine Autopsie, radiologische und toxikologische Analysen des Leichnams führte niemand durch.

Noch Jahre später wurde spekuliert, was Arafat umbrachte. Im März 2012 begannen die Schweizer Forensiker ihre Untersuchungen. Ihr Ausgangsmaterial dafür war dürftig. "Die Blut- und Urinproben sowie Fäkal- und Rückenmarksflüssigkeit, die während des Aufenthalts des Patienten genommen wurden, wurden später zerstört", heißt es in ihrem Bericht.

"Wir haben nur begrenzt Erfahrung"

Einzig eine Reisetasche mit persönlichen Stücken des Verstorbenen aus der Zeit seiner Erkrankung war übrig. Arafats Tochter und seine Frau schickten sie an das CHUV-Team. Darin fand sich sein berühmtes Tuch, die Kufiya, die er stets auf dem Kopf trug, lange Unterwäsche und verschiedene Medikamente. Nur ein einzelnes der gefundenen Haare untersuchten die Schweizer Forensiker toxikologisch. Radiologisch analysierten sie Kleidungsstücke, Urin- und Blutreste, die sich auf der Kleidung fanden, Borsten einer Zahnbürste und Medikamente.

"Wir haben nur begrenzte Erfahrung mit solchen Proben und zu dem Thema ist nur wenig publiziert worden", räumen die Forscher in ihrem Bericht ein. Allein der Fall des russischen Regierungskritikers Alexander Litwinenko, der 2006 starb, ist dokumentiert. Er starb an den Folgen ganz ähnlicher Symptome wie Arafat. Nachweislich wurde er mit Polonium 210 vergiftet. Im Fall Arafat kommt erschwerend hinzu, dass die Proben in schlechtem Zustand waren.

Um ihre Analyse zu festigen, nahmen die Schweizer Experten vor einem Jahr biologische Proben von der exhumierten Leiche Arafats in Ramallah. Überbleibsel von Haar, Knochen und Kopfhaut wanderten in die Reagenzgläser. "Alle diese Proben waren schwierig zu analysieren", schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Die Interpretation sei problematisch.

Genaue Ergebnisse könnten vor allem Gewebe von Leber oder Niere liefern. Hierin lagern sich die Zerfallsprodukte des radioaktiven Metalls Polonium eher ab. Doch die Organe haben sich unter der Erde zersetzt. Die hohe Feuchtigkeit und eine durchschnittliche Temperatur von 17 Grad Celsius im Grab des Palästinenserpräsidenten verhinderten, dass Gewebe des Leichnams mumifizierte.