Es war Dienstagnachmittag, als Jörg Fischer im Chaos der philippinischen Stadt Tacloban ankam. Vier Tage nach dem Taifun fehlten den Menschen immer noch die einfachsten Dinge, wie sauberes Trinkwasser und eine echte Versorgung für die Verletzten. Die Aufgabe seiner Mannschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist es, das zu ändern. Doch wenn er um sich blickt, sieht er nichts als Zerstörung:

"Das Trümmerfeld, das ich vor Augen habe, und in dem die Menschen noch leben müssen; die Leichen, die zum Teil in Säcken sind, aber auch zum Teil noch unbedeckt auf der Straße liegen. Es ist emotional bedrückend, und es ist irreal", sagt Fischer im Telefonat mit ZEIT ONLINE. Immer wieder fehlen ihm die Worte, seine Anspannung kriecht förmlich durch den Hörer.

Nach wie vor herrscht Unklarheit darüber, wie viele Menschen der Tropensturm in den Philippinen getötet hat. Zunächst war von rund 10.000 Opfern die Rede, mittlerweile korrigierte die Regierung die Zahl auf 2.275. Fischer geht jedoch davon aus, dass diese Zahl wieder deutlich steigen wird. Die Regierung werde bald einen Großteil der Vermissten zu den Toten zählen müssen.

Nach seinen Informationen spreche man derzeit von rund 2.300 Getöteten allein in Tacloban und der näheren Umgebung. Hinzukämen noch 2.000 Vermisste in der Region. Über die Opfer in anderen Regionen fehlen Fischer die Angaben. In den Philippinen sind die Melderegister nicht zuverlässig – das erschwert es Behörden zusätzlich, verlässliche Angaben zu den Opfern zu machen. 

Wie viele Tote sind es wirklich?

Nach Naturkatastrophen kursieren in den Medien meist schon am selben Tag Angaben zur Anzahl der verletzten und getöteten Menschen. Häufig stellen sich diese Zahlen rasch als ungenau oder gänzlich falsch heraus, werden immer wieder herauf- oder herabkorrigiert.

Wie kommen solche Ungenauigkeiten zustande? Und wie können Regierungen und Hilfsorganisationen in einer  unübersichtlichen Katastrophenlage, in einem riesigen betroffenen Gebiet – wie jetzt in den Philippinen – überhaupt brauchbare Zahlen ermitteln?

Frank Fiedrich gehört der Lehrstuhl für Katastrophenschutz an der Universität Wuppertal. Er erklärt, wie aus den wenigen Informationen, die kurz nach einer Katastrophe vorhanden sind, erste Schätzungen entstehen: 

"In solch einer Lage bezieht sich viel auf Berichte von Augenzeugen. Die Zahlen zu Toten und Schäden liegen außerdem meist nur für einzelne Gegenden vor. Erst auf der Basis von Satellitendaten, die dann die ganze Fläche der Zerstörung zeigen, kann man versuchen, die Gesamtzahl an Toten und Verletzten sowie die Sachschäden abzuschätzen", sagt Fiedrich.

Die ersten Zahlen seien zumeist ein Griff ins Blaue. Dass die Hochrechnungen nachträglich – wie jetzt nach der Katastrophe in den Philippinen – nach unten korrigiert würden, sei in der Tat ungewöhnlich, erklärt der Ingenieur. Zumeist sei man durch konservative Schätzungen bemüht, die Panik in der Bevölkerung gering zu halten.

Fischer vom DRK kann sich vorstellen, wie es zu der ersten Überschätzung nach dem Taifun Haiyan kam. "Die Leute hier stehen unter einem unglaublichen emotionalen Druck. Und wenn sie auf engstem Raum 20 Leichen sehen, dann kann es passieren, dass die Zahlen für das gesamte Gebiet zu hoch geschätzt werden", sagt Fischer.  

Bis zum Ende der Woche werden belastbare Schätzungen vorliegen, meint der Katastrophenschutz-Forscher Fiedrich. Fischer vom Roten Kreuz ist dagegen der Ansicht, dass man erst in einigen Wochen sicher wissen könne, wie viele Opfer der Tropensturm gefordert hat. Und leider würden die absoluten Zahlen wohl nicht sehr stark unter den bereits korrigierten Schätzungen liegen.