Seit es Menschen gibt, haben sie Bilder angefertigt. Aber die heutige Bildtechnik verhält sich zur Höhlenmalerei wie die Atombombe zur Steinschleuder. Was Menschen schon mit ihren Smartphones, die ja ebenso Fotoapparate sind, Jahr für Jahr knipsen, ergibt zusammengenommen ein unermesslich detailreiches Puzzle der Welt. Unzusammengesetzt, versteht sich. In fünf Jahren dürften sich wirre Bildersammlungen allein auf den dann vom Netzwerkausrüster Ericsson geschätzten 5,6 Milliarden aktiven Smartphones befinden.

Weiteres Bildmaterial entsteht in der Wissenschaft. Hier setzte vor 20 Jahren eine visuelle Wende ein. Von der Mikro- bis zur Teleskopie, von der Tomographie bis zur Fernerkundung – die Techniken, in die Welt hineinzublicken, haben sich rapide entwickelt und mit ihnen die Methoden, die gewonnenen Bilddaten zu verarbeiten. Und mehr noch: Was immer gemessen werden kann, wird digitalisiert und auch visualisiert. Die Theorien selbst haben laufen gelernt, für manche Wissenschaften ist die Simulation und mit ihr die Visualisierung die wichtigste Erkenntnisquelle geworden.

Einer Studie des Beratungsunternehmens International Data Corporation zufolge kamen im Jahr 2012 jedoch die Hälfte der digitalisierten Daten, die weltweit vorhanden waren und einen potenziellen Wert hatten, aus einer anderen Quelle: Überwachungsvideos. In Städten wie Peking oder London, so hieß es kürzlich in einem Artikel der amerikanischen Fachgesellschaft für Informatik (IEEE Computer Society), surren jeweils rund eine Million Videokameras an öffentlichen Plätzen; sie würden binnen einer Stunde mehr Videomaterial liefern als alles, was in den Archiven der BBC oder des chinesischen Senders CCTV an Fernsehaufzeichnungen lagert.

Für die Datenwirtschaft sind sie wie ungenutzte Erdölvorkommen. Sie habe derzeit nur Zugriff auf drei Prozent der potenziell nützlichen Daten, geht die Klage. Denn der visuelle Datenvorrat sei viel zu groß, als dass Big Data ihn derzeit nutzen könne. Deshalb wird mit Macht an neuen Methoden der Datenkompression gearbeitet, der Übertragung, Speicherung und Analyse. Allerdings, so heißt es, verdoppele sich die Leistungsfähigkeit der Kompression nur alle zehn Jahre, wohingegen sich die Datenmenge allein aus den Überwachungskameras alle zwei Jahre verdoppele. Weshalb man auf Amtshilfe von den Kollegen hofft, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen, Abteilung "Maschinelles Sehen".

Natürliche und soziale Welt werden digital verdoppelt

Was aber, wenn Big Data (und damit nicht zuletzt den Geheimdiensten) gelingt, einen deutlich größeren Teil der Überwachungsbilder zu analysieren? Nun, sie werden sich mit den Sozialforschern und den Geografen zusammentun. Die analysieren mittlerweile Massendaten über soziale Interaktionen, verbinden ihre Resultate mit Computersimulationen und geografischen Informationssystemen, um sich ein Bild zu machen. 

Ihnen werden sich jene Forscher zugesellen, deren Gegenstand der unausgesetzt durchs Netz geschobene Text ist, ob es nun Nachrichten, Tweets oder Postings sind: Ihre Programme werten ihn aus, unterziehen ihn einer Netzwerkanalyse und anderen Verfahren der Texterkennung und visualisieren das Resultat.

Mit anderen Worten: Nicht nur die natürliche, auch die soziale Welt wird digital verdoppelt, nein, sie wird mit sich selbst multipliziert, denn ihre Visualisierung wirkt auf das Visualisierte zurück.