Raumfahrt - Rosetta-Mission geht in die nächste Phase

Europas Weltraummission Rosetta steht vor der nächsten Bewährungsprobe: Gut zwei Monate nach dem Aufwachen der Rosetta-Kometensonde im All wollen deutsche Forscher am Freitag deren Lande-Roboter Philae wieder in Betrieb nehmen. Das unter der Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte und gebaute Minilabor soll im November in mehr als 800 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde auf Rosettas Zielkomet 67P/Tschurjumov-Gerasimenko aufsetzen. Gesteuert und betrieben wird der kühlschrankgroße Lander vom Kontrollraum des DLR-Nutzerzentrums für Weltraumexperimente in Köln.

Der Rosetta-Kometenjäger mit Philae an Bord war am 20. Januar planmäßig aus einem zweieinhalbjährigen Winterschlaf erwacht. Um Energie zu sparen, musste die Sonde so lange ruhen. Die 2004 gestartete Rosetta-Mission ist eine der ehrgeizigsten Unternehmungen in der Geschichte der europäischen Weltraumagentur Esa. Sie soll den Forschern Aufschlüsse über die Zusammensetzung von Kometen liefern. Diese Brocken aus Eis, gefrorenem Gas und Staub gelten als Überbleibsel von der Entstehung des Sonnensystems von 4,6 Milliarden Jahren.

Die Fragen, die die Forscher bewegen: Wie entstanden unsere Ozeane? Ist das Wasser über Kometen gekommen oder durch Vulkanismus aus dem Inneren der Erde? Haben sich die relevanten Moleküle zur Entstehung des Lebens auf der Erde gebildet oder kamen sie von außen?

Bislang ist noch nie eine Sonde auf einem Kometen gelandet. Jedoch war die japanische Raumsonde Hayabusa bereits 2005 auf einem Asteroiden und brachte Jahre später Bodenproben zur Erde.

Um Tschurjumov-Gerasimenko zu erforschen, soll Rosetta im Sommer in eine Umlaufbahn um den von Wissenschaftlern liebevoll Tschuri getauften Himmelskörper einschwenken und im Herbst Philae auf dem Vier-Kilometer-Brocken absetzen. Beide Manöver hat es in der Geschichte der Forschungsflüge zu Kometen noch nicht gegeben. Gemeinsam mit Philae auf seiner Oberfläche und der Rosetta-Muttersonde im Orbit wird sich der Komet in den folgenden Monaten stetig weiter der Sonne nähern.

Philae soll gegen 15:30 Uhr Daten liefern

Spätestens dann wird Tschuri durch die Sonnenstrahlung die für Kometen charakteristische Staubhülle und den Schweif ausbilden. Bereits vor einem Monat hatten von der Erde aufgenommene Bilder darauf hingedeutet, dass Tschuri früher als erwartet aktiv geworden ist. Was genau dabei auf dem Schweifstern passiert, werden demnächst die Messgeräte von Rosetta und Philae aufzeichnen – vorausgesetzt, die Inbetriebnahme des Lande-Roboters am Freitag verläuft planmäßig.

Um das Landegerät nach dem langen Stand-by von Rosetta wieder einzuschalten, wird eine Aktivierungssoftware zur Sonde geschickt, die nach DLR-Angaben am Freitag mehr als 650 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist. Die ersten Philae-Daten erwartet das DLR am Freitagnachmittag gegen 15:30 Uhr. "Dann werden wir wissen, ob dieses erstmalige Einschalten des Landers gut funktioniert hat und der Lander gesund ist", sagt Projektleiter Stephan Ulamec der Nachrichtenagentur dpa. Während der Aktivierung von Philae beträgt die Entfernung der Sonde zu Tschuri noch rund vier Millionen Kilometer.

Philae verfügt über insgesamt zehn Instrumente, von denen sich die Wissenschaftler tiefe Einblicke in die Beschaffenheit von Kometen erhoffen. Dazu zählen Vorrichtungen zur Temperaturmessung auf dem Schweifstern und eine Panoramakamera. Zur Ausstattung des Minilabors gehört auch ein Bohrer, mit dem Philae mehr als 20 Zentimeter in den Kern von Tschuri vordringen und dort Proben entnehmen kann. Diese Proben soll der Hightech-Lander im Bordlabor analysieren. Ein weiteres Philae-Instrument könnte bei Analysen vielleicht sogar organische Verbindungen wie Aminosäuren identifizieren.

Zuvor allerdings muss Philae sicher auf der unwirtlichen Kometenoberfläche aufsetzen. Der erste Landeversuch gilt vor allem aus zwei Gründen als heikel: Als Philae gebaut wurde, dachten die Forscher noch, die Oberfläche dieses Kometen bestünde aus hartem Eis. Mittlerweile glauben sie eher, dass es weicher Neuschnee sein könnte. "Es ist sehr, sehr, sehr spannend", sagt Ulamec. Außerdem muss sich der Lander auf Tschuri wegen der verschwindend geringen Schwerkraft mit Eisschrauben und zwei Harpunen festzurren. Anderenfalls wäre die Mission des Landers schon nach dem ersten Kontakt mit dem Kometen erst mal wieder beendet, er würde ins All zurückgestoßen. Auf der Erde wiegt Philae zwar 100 Kilo – auf Tschuri aber nur vier Gramm.