Es gibt Geschichten, die würde man zu gerne glauben. In einem Interview mit dem Musikmagazin Q etwa berichtete der ehemalige Frontsänger der Britpop-Legende Blur jetzt erstmals von seiner Heroinabhängigkeit. Und obwohl sich Damon Albarn bemüht, den Stoff nicht zu marginalisieren, klingt die Geschichte bei ihm eigentlich ganz nett: Die Droge habe ihn auf dem Höhepunkt der Bandkarriere "unfassbar kreativ" gemacht, ihn "befreit". Öffentlich blieb Albarn unauffällig. Nach eigener Aussage begrenzte er seinen Konsum auf fünf Tage die Woche. Als er aufhören wollte, schluckte er zwei Aspirin.

Vielleicht sagt Albarn sogar die Wahrheit und fand im Aspirin seine persönliche Pille gegen die Sucht – aber den Regelfall stellt der Musiker ganz gewiss nicht dar. Das zeigen prominente Beispiele, wie das des Musikerkollegen Pete Doherty, der bis heute quasi-öffentlich mit Crack und Heroin kämpft, und das der Sängerin Amy Winehouse, die 2011 nach jahrelangem Heroin-, Crack- und Alkoholmissbrauch im Alter von 27 Jahren an einer schweren Alkoholvergiftung starb. Abhängigkeiten bleiben eben, was sie sind: extrem schwer zu überwinden. Sie manifestieren sich im Gehirn, manche hinterlassen ihre Spuren dauerhaft (siehe Folge Abhängigkeit).

Die meisten Betroffenen benötigen deshalb mehr als einen Anlauf, um sich von einer Substanz zu lösen. Für behandelte Alkohol- und Medikamentenabhängige beträgt die Quote der Abstinenten nach den aktuellen Erhebungen des Fachverbands Sucht gut 30 Prozent (Drogenbericht 2013). Alle übrigen Patienten werden rückfällig, manche schaffen es nie ganz aufzuhören.

Im Extremfall Heroin stellen vor allem die Entzugserscheinungen eine massive Hürde dar: Sie treten bald nach Ende des Rauschs ein und äußern sich in Krämpfen, Zittern, Durchfall, Herzrasen, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Fieber und Schüttelfrost, die bis zu zehn Tage lang anhalten können. "Wenn ein Süchtiger auf eigene Faust in den Entzug geht und weiter Zugang zu Heroin hat, wird er sich sehr schnell nicht mehr vorstellen können, es bis zum Ende dieses Albtraums zu schaffen", erklärt der britische Psychopharmakologe David Nutt.


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Cold Turkey entlässt Abhängige oft ungerüstet in ein schwieriges Leben

Und die körperliche Entwöhnung sei nur der erste Schritt auf einer langen Reise. "Das seelische Verlangen nach der Droge kann durch das Unvermögen gesteigert werden, an irgendetwas anderem Freude zu haben. Dieser Zustand hält manchmal Jahre an", erklärt Nutt. Cold Turkey, der kalte Entzug wegen plötzlicher und völliger Abstinenz, entlässt die Abhängigen zudem oft ungerüstet in ein Leben, das längst von der Droge gezeichnet ist. Die Kriminalisierung hat ihren Anteil daran: Wer aufgrund eines allgemeinen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz einmal verurteilt worden ist, wird dieses Stigma nicht mehr los. Die Kriminalstatistik verzeichnet für 2012 mehr als 10.000 solcher Verstöße für Heroin.  

Die Idee vom einfachen "Aufhören" bleibt daher eine Illusion. Wer abhängig ist und aus der Sucht ausbrechen will, braucht Unterstützung. Das gilt für die meisten Raucher genauso wie für Heroin-Junkies. Bei vielen Drogen geht es dabei nicht mehr um Abstinenz in erster Linie, sondern um einen schrittweise Rückgewinn von Kontrolle und die Reduzierung von Schäden. "Wir erleben da einen Paradigmenwechsel in der Suchttherapie", sagt Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Ein Alkoholiker, der statt an 300 Tagen im Jahr nur noch an 200 Tagen volltrunken ist, gilt demnach nicht mehr als Versager – er hat vielmehr einen Fortschritt erzielt.

Diese Sichtweise hat nach Auffassung des Suchtforschers vor allem Auswirkungen auf die seelische Verfassung der Patienten: "Das Abstinenzkonzept produziert sehr viele Therapieversager", sagt Spanagel. Jeder hart erkämpfte Tag ohne Drogen gehe im Scheitern unter, sobald es zu einem Rückfall komme. Dagegen sei die Würdigung der kleinen Schritte die bessere Motivation. "Wir sagen doch auch keinem Krebskranken: Und wehe, du kommst mit einer Metastase wieder." Das Ziel bleibt nach Aussage des Fachmanns trotzdem, die Abhängigkeit von der jeweiligen Substanz auf Dauer zu überwinden. Nur die Hürden auf diesem Weg müssten weniger hoch gesteckt werden.

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Welche Rolle Ersatzdrogen für diesen Weg spielen können, ist noch nicht vollständig geklärt, weil viele dieser Substitute selbst ein Abhängigkeitspotenzial besitzen. So hat der in Europa verbreitete Abstinenzanspruch zu der Kritik geführt, dass Programme mit dem Heroin-Ersatz Methadon die Abhängigen lediglich in eine andere Abhängigkeit parkten. In Hamburg zeigte eine Sonderprüfung der Substitutionspraxis zwar, dass die kontrollierte Vergabe von Methadon deutlich positive Effekte für die Betroffenen bringt, dennoch sahen sich die Verantwortlichen mit dem Vorwurf konfrontiert, der Zugang zum Methadon sei mittlerweile zu einfach. Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass die wachsende Zahl von Opioid-Abhängigen in manchen Ländern wie den USA oder Kanada künftig auch einen einfacheren Zugang zur Substitution erfordere.

Während für Heroin mittlerweile andere Ersatzstoffe existieren und sich etwa Nikotinersatzpräparate in der eigeninitiierten Tabakentwöhnung etablieren, suchen Forscher bei anderen Drogen noch immer nach Ausweichsubstanzen. Für Kokain-Süchtige könnte Methylphenidat, auch bekannt als Ritalin, eine Möglichkeit sein: Wie Forscher der Mount Sinai School of Medicine in New York kürzlich an einer kleinen Gruppe von Abhängigen gezeigt haben, löst das Stimulans im Gehirn zum einen ähnliche biochemische Reaktionen aus wie Kokain. Zum anderen stärkt das Mittel bereits nach einer Dosis Verbindungen zwischen Hirnarealen, die für die Impulskontrolle verantwortlich sind (Konova et al., 2013). "Es ist eine vorläufige Studie", sagt die Studienleiterin Rita Goldstein, "Aber die Ergebnisse sind aufregend und lohnen eine nähere Untersuchung – vor allem in Verbindung mit einer Kognitiven Verhaltenstherapie."

Nach dem Universalheilmittel gegen die Abhängigkeit werden Forscher also noch eine Weile suchen. Fest steht nur: Aspirin wird nicht sein Name sein.