ZEIT ONLINE: Herr Abdel-Maksoud, die in Südkorea verunglückte Fähre sank innerhalb von zwei Stunden. Ein Grund für diesen schnellen Untergang soll sein, dass sich Ladung an Deck gelöst hat. Kann verschobene Ladung ein Schiff so leicht zum Kentern bringen?

Moustafa Abdel-Maksoud:
Alleine weil sich Ladung an Deck verschiebt, kentert kein Schiff. Wahrscheinlich ist das Schiff auf einen Felsen gelaufen und hat ein großes Leck gehabt, sodass es schnell vollgelaufen ist.

ZEIT ONLINE:
Mit all den Sicherheitsvorkehrungen, die es heute gibt, mehrfach verstärkten Rümpfen und mehreren getrennten Kammern in einem Schiffsbauch, wie kann sich ein Schiff so schnell mit Wasser füllen?

Abdel-Maksoud: Das ist unerklärlich, hier muss sehr viel schiefgelaufen sein. Ungesicherte Ladung würde zumindest erklären, dass dem Schiff die Stabilität fehlte. Interessant ist auch die starke Strömung in dem Gebiet. Wenn ein Schiff dort einem Felsen nahekommt, gibt es durch die Strömung einen Sog, sprich das Schiff wird in Richtung des Felsens gezogen. Das wiederum erklärt vielleicht, wie es zum Unfall kam, aber immer noch fehlen viele Puzzleteile in diesem Rätsel.

ZEIT ONLINE: Hat der Unfall auch etwas mit dem Schiffstyp zu tun? Sind Fähren wegen ihrer Bauweise und der Ladung besonders gefährdet?

Abdel-Maksoud: Man kann nicht sagen, dass Fähren generell gefährlicher fahren. Da sie in der Regel jedoch mehr geladen haben als herkömmliche Passagierboote, muss diese Ladung gut gesichert sein. Es braucht hohe Sicherheitsstandards.

ZEIT ONLINE:
Kann der Kapitän in so einer Situation noch etwas retten?

Abdel-Maksoud:
Nein, wenn Ihnen das Schiff so schnell vollläuft, dann können Sie das Schiff nicht mehr halten, sondern Sie müssen sofort die Passagiere von Bord bekommen. Die Fehler sind vorher geschehen, nämlich bei Nebel hinauszufahren und von der Route abzuweichen.

ZEIT ONLINE:
Kann man ein leckgelegenes Schiff in so einer Lage von außen stabilisieren, indem etwa Schlepper und andere Schiffe versuchen, das Schiff aufrecht zu halten?

Abdel-Maksoud: Das wäre in diesem Fall schwierig gewesen wegen der Größe der Fähre. Hinzu kommt die sehr starke Strömung in dem Gewässer. Für so eine Aktion hätte man viel Vorbereitung gebraucht, das sind riesige Kräfte, die da auf den Schiffsrumpf wirken.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, der Kapitän habe sich falsch verhalten?

Abdel-Maksoud: Mich wundern vor allem zwei Dinge: Zum einen, dass er von der Route abgewichen ist. Zum anderen, dass er anscheinend zunächst versucht hat, die Leute zu beruhigen und sie in den Kabinen gelassen hat, statt diese sofort zu evakuieren. Natürlich müssen die Passagiere ruhig bleiben, aber in so einer Situation muss der Kapitän sofort die Passagiere an Deck rufen und wenn möglich von Bord schaffen.

ZEIT ONLINE: Halten Sie denn ein technisches Versagen für möglich? Immerhin ist es ein Schiff, das schon rund 20 Jahre alt sein soll. Gab es irgendwelche Standards, die sich da grundlegend geändert haben?

Abdel-Maksoud: Nein, es gibt internationale Standards und Vorschriften seit Jahrzehnten. Woran es meist hapert, ist die Umsetzung. In 90 Prozent solcher Fälle sind es menschliche Fehler, die zu einer solchen Havarie führen.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Chance, dass im havarierten Schiff Hohlräume mit Luft geblieben sind, und einige der Vermissten darin überlebt haben?

Abdel-Maksoud: Ich muss leider sagen: Ich halte die Chancen dafür für sehr, sehr gering.