Ampulex dementor. Harry-Potter-Fans werden bei diesem Namen sofort an die Dementoren denken: jene großen, in schwarze Kapuzenmäntel gehüllten Gestalten, die ihren Opfern den Verstand und den Willen rauben. Das ist kein Zufall, sondern gewollt. Ampulex dementor heißt ab sofort eine bisher unbeschriebene Art von Grabwespen, die ähnlich verstörend vorgehen. Mit einem Giftcocktail machen sie ihr Opfer willenlos, treiben es in eine Brutnische und legen darauf ein Ei, auf dass sich der Nachwuchs daran satt fresse.

Beinahe hätte das rund ein Zentimeter große Insekt einen anderen Namen bekommen. Ampulex plagiator, weil es Ameisen sehr ähnlich sieht. Am Ende siegte aber die Harry-Potter-Anspielung mit 105 zu 90 Stimmen. Hierin verbirgt sich die nächste Besonderheit dieser Tiere. Ihre wissenschaftliche Benennung, aktuell veröffentlicht im Fachmagazin Plos One (Ohl, 2014), basiert auf der Abstimmung von Museumsbesuchern. Das sei bislang einzigartig, wie das Berliner Naturkundemuseum hervorhebt.

Die Idee dazu hatte der Insektenexperte Michael Ohl. Er wollte die Besucher für Taxonomie begeistern, die wissenschaftliche Ordnung und Benennung von Tier- und Pflanzenarten. Also wählte er für die Lange Nacht der Museen im Frühjahr 2012 zwei bis dahin nicht beschriebene Grabwespen aus Thailand aus. "Ein offener Namenswettbewerb kam nicht infrage, da es international verbindliche Regeln gibt, die erfüllt werden müssen", sagt er.

Knappes Rennen zwischen Guttenberg und Harry Potter

Die Wissenschaftler machten daher vier Namensvorschläge: Die Potter-Variante dementor, dazu plagiator, was zu jener Zeit außerdem eine Anspielung auf die Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg war, bicolor, was auf die Färbung abzielte sowie mon, was auf eine ethnische Gruppe im Fundgebiet verweist. Ampulex dementor gewann. "Das war nicht unbedingt überraschend", sagt Ohl, der sich ebenfalls für diesen Namen entschieden hätte.

Für den Menschen sei die Dementoren-Wespe ungefährlich, sagt er. "Ich glaube nicht, dass ihr Stachel die Haut durchdringt." Ganz anders sieht es im Fall von Schaben aus. Die werden von sämtlichen Wespen der Gattung Ampulex gezielt ausgewählt und gestochen. "Die Tiere sind weiterhin mobil, doch das Gift schaltet ihren Willen aus." Dann schieben und zerren die Grabwespen ihr Opfer in eine geschützte Ecke, um darauf je ein Ei zu legen. Lebendig und willenlos sind die Schaben das erste Futter für den Nachwuchs, während sich die erwachsenen Grabwespen an Blüten sättigen.

Für Ohl ist die Namenswahl mithilfe von Besuchern ein voller Erfolg. Zu benennen gibt es noch viel. Allein von den Insekten seien Millionen noch nicht beschrieben, sagt der Forscher. 

Erschienen im Tagesspiegel