Massentierhaltung fördert resistente Keime weltweit – Seite 1

Es war nur ein kleiner roter Punkt am Bein, etwas oberhalb des Knöchels. Er schmerzte, schwoll an und platzte auf. Der Arzt verschrieb Penicillin, nachdem er eine Bakterienentzündung diagnostiziert hatte. Vier Tage später hätte das schon viel besser aussehen müssen. Tat es aber nicht. Das Bein roch faulig, und auf der Haut hatte sich eine vereiterte Schicht gebildet. Es blieb der Patientin nichts anderes als ins Krankenhaus zu gehen.

In der Hautklinik der Charité in Berlin wurde die Frau sofort mit Antibiotika-Infusionen versorgt, das Mittel war schon das zweite. Das erste war wirkungslos geblieben. Drei Tage und mindestens zwölf Infusionen später hätte das Bein die Hauptrolle in einem Lazarettfilm über den Ersten Weltkrieg spielen können.

Die Infektion war mittlerweile tiefer eingedrungen, eine Operation wurde nötig, und noch immer war nicht das richtige Antibiotikum gefunden. Die Behandlung wurde umgestellt auf zwei Antibiotika. Nach drei Wochen Krankenhausaufenthalt wurde die Frau an Krücken entlassen. Es sollte weitere drei Monate dauern, bis sich die offenen Stellen am Bein wieder geschlossen hatten. Ein klarer Fall von antibiotikaresistenten Bakterien, auch wenn die Labore der Charité am Ende nicht herausfinden konnten, welche Bakterien ganz genau verantwortlich waren.

Antibiotika werden zu häufig und falsch genommen

Dass Krankengeschichten wie diese kein Einzelfall sind, wissen Ärzte schon seit Jahren. In Deutschland wird die zunehmende Resistenz von Keimen unter anderem auf den falschen Einsatz der lebensrettenden Medikamente (viele Menschen glauben, die Mittel wirkten auch gegen Viren, etwa bei einer Erkältung) und den noch immer verbreiteten Einsatz von beispielsweise Antibiotika in der Massentierhaltung, vor allem in der Hennenhaltung und der Schweinemast, zurückgeführt.

Das ist nicht nur in Deutschland ein wachsendes Problem. Es ist ein weltweites Problem, sagte Keiji Fukuda von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergangene Woche in Genf. Die WHO hat den ersten globalen Überwachungsbericht über das Problem resistenter Keime vorgelegt. Und in allen Weltgegenden nimmt die Zahl der Keime zu, die sich mit den traditionell verwendeten Medikamenten nicht mehr behandeln lassen.

Fukuda sagte: "Täglich erkranken weltweit rund eine Million Menschen an Durchfall." Und immer öfter komme es bei dieser Allerweltskrankheit zu Komplikationen, die bis hin zu einer nicht mehr behandelbaren Blutvergiftung gehen könnten – und die kann tödlich enden.

Noch schwerwiegender sind die Folgen für Menschen, deren Immunsystem ohnehin geschwächt ist, beispielsweise Krebspatienten oder Patienten nach einer Operation, bei denen Antibiotika eine Infektion nicht mehr verhindern können.

Die von der WHO aus 114 Ländern zusammengetragenen Informationen lassen den Schluss zu, dass die resistenten Keime sich überall ausbreiten. Besonders dramatisch ist das in Gesundheitssystemen, die ohnehin schwach sind. Wenn es in einer Gesundheitsstation ohnehin zu wenig Medikamente, keine Ärzte und zu wenige ausgebildete Krankenschwestern und Pfleger gibt, ist die Behandlung von resistenten Keimen nahezu unmöglich. Dazu kommt: Die resistenten Keime machen die Behandlung in Industriestaaten ebenso wie in Entwicklungsländern viel teurer, sagte Fukuda.

Antibiotika-Resistenz ist dabei nicht das einzige Problem. Auch Medikamente gegen Krankheiten wie beispielsweise Malaria, Aids oder Tuberkulose werden in einigen Weltregionen zunehmend wirkungslos. "Wir sind dabei den wichtigsten Wirkstoff in der Malariabehandlung, Artemisia, in Asien zu verlieren", sagte Fukuda. Aids-Medikamente werden wirkungslos, weil die schwachen Gesundheitssysteme es nicht schaffen, den Einsatz tatsächlich so zu überwachen, dass sie auch immer in der von Ärzten verordneten Weise eingenommen werden.

Je größer der Stall desto häufiger sind Infektionen

In armen Ländern sind die kostenlos ausgegebenen Aids-Medikamente das einzige von Wert, was einige Patienten besitzen. Sie werden oft weiter verkauft, in Kenia sind sie eine Zeit lang zum Brauen von illegal hergestelltem Alkohol eingesetzt worden, weil sie den Gärungsprozess beschleunigen konnten. All das untergräbt die Wirkung solcher Medikamente. Die Hälfte der weltweit entdeckten Fälle von Tuberkulose sind schon nicht mehr mit traditionell wirksamen Medikamenten behandelbar, heißt es in der Studie.

Es gibt aber noch ein Einsatzfeld, das vor allem die Wirkung von Antibiotika in Frage stellt: In den USA werden diese Medikamente bis heute in der Tiermast als Wachstumsbeschleuniger eingesetzt. In Deutschland werden Antibiotika oft flächendeckend in den Ställen – vor allem in der Hennenhaltung und der Schweinemast – gegeben, wenn ein Tier erkrankt. Dazu hatte die Umweltorganisation BUND vor zwei Jahren mehrere Studien in Auftrag gegeben.

Eines der Ergebnisse: Werden Tausende oder gar Zehntausende Tiere in einem Stall gehalten, ist die Ansteckungsgefahr groß  und der Einsatz von Medikamenten eher großzügiger, zumal Tierärzte die Medikamente oft auch noch verkaufen. Seit dem 1. April gelten in Deutschland aber verschärfte Meldepflichten für den Einsatz von Antibiotika in Ställen.

WHO fordert stärkere Überwachung der Tierhaltung

Fukuda wies darauf hin, dass die Weltagrarorganisation FAO seit einigen Jahren versucht, große Tierhalter über freiwillige Vereinbarungen zu einem verantwortungsvollen Einsatz von Tiermedikamenten insbesondere aber Medikamenten zu bringen, die auch in der Humanmedizin zum Einsatz kommen. Dem haben sich zwar viele Firmen angeschlossen.

Doch der Erfolg ist bisher ziemlich überschaubar. Fukuda fordert einen globalen Aktionsplan, um dem Problem Herr zu werden. Zudem kündigte er an, dass die WHO Länder bei der Überwachung der Resistenz von Keimen unterstützen will, in der pazifischen Region reicht diese Kooperation sogar schon bis in die 1980er Jahre zurück.

Doch auch hier zeigt sich, dass insbesondere Länder mit schwachen Gesundheitssystemen dies kaum werden leisten können. So haben nur wenige afrikanische Länder die WHO überhaupt mit Daten über resistente Keime und den Einsatz von Antibiotika versorgen können. Dennoch ist Fukuda optimistisch. Das Problem werde weltweit mehr und mehr erkannt, sagte er. Deshalb rechnet er auch damit, "dass es uns gelingen wird, das Problem global in den Griff zu bekommen". Nur schnell werde das nicht gehen.

Erschienen im Tagesspiegel