Verblödet durch Technik – Seite 1

In Maschinen bauen wir immer ein Stück von uns selbst mit ein, meint ZEIT-Redakteur Gero von Randow, 61. Und das hat überraschende Effekte. © Nicole Sturz/​Cornelia Pflüger

Hin und wieder blättere ich in den Tagebüchern von Samuel Pepys. Das war ein englischer Beamter, der im späten 17. Jahrhundert so ziemlich alles notierte, was ihm widerfuhr, darunter sehr Intimes. Die Eintragungen sind vergnüglich zu lesen und geben eine Ahnung von dem, wie damals wohl der Alltag war. Eines fällt immer wieder auf: Pepys geht irgendwo hin, um jemanden zu sprechen, der indessen ist nicht da. So geschieht es fast jeden Tag.

Wie auch anders? Das schnellste Kommunikationsmedium war damals ein Bote. Ich wundere mich überhaupt, wieso diese Widrigkeit, dieses wiederkehrende Scheitern von Begegnungen, das bis zum Aufkommen des Telegrafen und des Telefons alltäglich war, sonst nirgendwo erwähnt wird, nicht von Shakespeare, nicht von Goethe, nicht einmal von Balzac, der doch so ausführlich die Details des Lebens beschreibt. Vielleicht, weil die Autoren es sich nicht anders vorstellen konnten? Die Leichtigkeit, mit der wir Heutigen uns verabreden, war ihnen unbekannt. Wir sehen, die Telekommunikation ist mehr als eine Technik, sie ist eine Gesellschaftsstruktur.

Als schließlich das Telefon aufkam, befürchteten Pädagogen und Psychologen, es werde die Zahl der zwischenmenschlichen Begegnungen verringern. Die Leute würden isoliert zu Hause hocken und telefonieren. Die Warner hatten nicht daran gedacht, dass das Telefon eine Verabredungstechnik sein könnte. Da mussten wohl erst die Geschäftsleute kommen, und natürlich die Teenager.

Das Telefon war Teil eines Dreiklangs, der damals ertönte: Telefon, Radio, Auto. Alles Verbindungen. Flugzeuge und Fernsehen kamen hinzu, und vor mehr als 50 Jahren fand der kanadische Medienforscher Marshall McLuhan den treffenden Begriff für die neue Gesellschaftsstruktur: das globale Dorf. Ein Begriff übrigens, mit dem McLuhan mehr verband als nur den Gedanken, jedermann werde zum Nachbarn. Ihm zufolge leben wir seither in der Gegenwart aller anderen, so wie es nach seiner Vorstellung in den Dörfern primitiver Kulturen zuging, in den "oralen Gesellschaften", wie er sie nannte, in denen durch Sprechen und Singen unausgesetzt kommuniziert wurde. Was jedenfalls stimmt, ist dies: Wir führen unser Leben inmitten eines pausenlosen Surrens und Blinkens, das aus Botschaften besteht.

Wie die Kommunikationstechniken zusammenwirken, um eine neue Form von Gegenwart zu erzeugen, das konnte das amerikanische Publikum erstmals vor rund 80 Jahren miterleben. Der Marineflieger Richard Byrd unternahm damals Expeditionen in die Antarktis, auf die er Fotografen, Kameraleute und Kurzwellenfunker mitnahm. Über die New York Times und einen Radiosender informierte er tagtäglich über seine Expedition, also beinahe in Echtzeit; seine Basis nannte er "Little America".

Heute sind uns das Fliegen und der Funk Selbstverständlichkeiten, aber damals kam erstmals das Gefühl einer neuen Moderne auf, des Zeitalter des "Super-Kontakts" – so kommentiert der Technikhistoriker Richard Popp diesen Durchbruch der Verbindungstechnik im Magazin Technology and Culture (Popp, 2011).

Für Stuart Chase waren Radio, Kino und Auto Gift für die Gesellschaft

Er erinnert auch an einen frühen Kritiker des Super-Kontakts: Stuart Chase, den Vater der Konsumkritik. Ein hochinteressanter Fall, denn Chase lebt im Feuilleton unserer Tage fort. Ihm waren jene Aktivitäten, die ohne Maschinen nicht möglich seien, grundsätzlich minderwertig, passiver Konsum. Am schlimmsten fand Chase das Autofahren, das Radiohören und den Kinobesuch, allesamt rein illusorische Vergnügen, und zugleich eine Art Ätzgift, das seinen Weg überallhin in die Gesellschaft findet, das gesamte Leben ergreift, jedes unberührte Gebiet verunreinigt und kein Abseitsstehen duldet, keine Rückzugsräume, keine Fluchtwege. Eine totalitäre Maschinenkultur, die ihrerseits nur eine Version der Arbeitswelt sei und deren verblödende Tendenz in die Freizeit fortsetze. Sie zerstreue, wo es doch besser wäre, sich zu versammeln und gemeinsam gegen unzuträgliche Arbeitsbedingungen vorzugehen ... In einem
Wort: Chase war ein Vorläufer der Frankfurter Schule, wie Popp in seinem Aufsatz schreibt.

Diese Bemerkung hatte mich neugierig gemacht und ich habe nach Texten von Chase gesucht. Und tatsächlich, dieser Kritiker beschrieb die moderne Massenkultur bereits in einer Weise, wie sie später bei Theodor W. Adorno zu lesen war, einschließlich der bizarren Meinung über den Jazz, er sei eine Fetischisierung der Fließbandarbeit bei Ford.

Die Argumentation hat Schwächen

Aber lassen wir Chase selbst zu Wort kommen. In einem Sammelband Wohin geht die Menschheit schrieb er (die Übersetzung ist von mir): "Am heutigen Abend im Amerika des Jahres 1928 sind dreißig Millionen Menschen zu Hause und lauschen den Tönen, die aus einem kleinen polierten Kasten dringen. Sie hocken bewegungslos da, wie eingemummelt. Bald dreht jemand an einem Knopf, und der Rhythmus der Töne ändert sich, nicht aber ihre ewige Monotonie, außer wenn plötzlich ein Geräusch ertönt, das wie die Stimme einer sehr großen und sehr erschrockenen Krähe klingt. Dann dreht jemand an einem anderen Knopf und der zeitlose Singsang setzt sich fort."

Na gut, schlechtes Radioprogramm, möchte man einwenden.

Aber dann kommt eine Beobachtung, die zu denken gibt: "Menschen sind normalerweise so neugierig wie Affen, und die Gelegenheiten, mit Sachen herumzuhantieren, sie zu erkunden oder auseinanderzunehmen, haben sich unbeschreiblich vermehrt. Unglücklicherweise jedoch sind diese glänzenden Spielzeuge wie Motoren oder Radios mehr und mehr so konstruiert, dass sie selbstregulierend und idiotensicher sind. Noch nicht mal die Freude am Herumschrauben wird uns gelassen. Wir können sie nicht mehr handhaben, sondern uns nur stumm unterwerfen, wenn sie uns handhaben."

Ist Technik etwas anderes als die Realität?

Da musste also nicht erst Digitalien kommen. Doch so zutreffend die Beobachtung ist, diese Art Technikkritik hat zugleich ein paar Probleme.

Das erste liegt darin, dass sie die gegebene Technik für die einzig mögliche nimmt. Die fortschreitende Entmündigung des Autofahrers durch autonome Systeme, natürlich im Namen der Sicherheit, kann als Beispiel dienen: Denn anstatt die Autos in selbststeuernde Gummizellen zu verwandeln, deren Insassen digital bespaßt werden, ließen sich – womöglich mit geringerem Aufwand – ja auch die Straßen sicherer machen. Das ist letztlich eine Frage der Entscheidungen (der Politik und der Märkte).

Das zweite Problem dieser Art Kritik: Zwar verlagert die Technik unsere Sorge in die Dinge, aber sie setzt auch Kapazitäten frei. Die Haushaltstechnik ist ein schlagendes Beispiel dafür. Der Waschautomat anstelle des Waschzubers bedeutet eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten. Wie sie genutzt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Und drittens – das ist der Hauptaspekt – übersieht derartige Kritik eines: Die Technik erzeugt Handlungsmöglichkeiten, die ohne sie nicht in der Welt wären. Gute und schlechte, versteht sich, Onlinebanking und Phishing, beispielsweise. So ist das eben mit der Erweiterung der Freiheit.

Dazu fällt mir übrigens wieder Samuel Pepys ein. Der wäre, wie ich ihn kenne, heute bestimmt auf Facebook, um mit lauter Zeitgenossen zu quatschen – und sich mit ihnen zu verabreden. Nur sein intimes Tagebuch wäre nach wie vor kein Blog, er würde es im Verborgenen führen. Vielleicht würde es Jahrhunderte später entdeckt werden, und die Leser würden sich wundern: Was, damals konnte man nicht an mehreren Orten zugleich sein?