Seit zwei Jahren geht das häufig tödliche mit Sars verwandte Mers-Virus im Nahen Osten um. Bisher gingen Forscher davon aus, dass es zwar für den Einzelnen gefährlich, aber nicht hochansteckend ist, und daher nicht das Zeug hat, eine weltweite Seuche – eine Pandemie – auszulösen.

Doch im April hat sich die Zahl der Neuerkrankungen sprunghaft erhöht. 217 Mers-Fälle, davon 38 mit tödlichem Ausgang, sind allein im vergangenen Monat dazugekommen. 424 Infektionsfälle weltweit hat die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC bisher seit dem Auftreten des neuen Erregers gezählt, davon 131, in denen die Erkrankung tödlich verlief. Die meisten Menschen stecken sich derzeit in Saudi-Arabien an. Jeden Tag meldet das Land neue Fälle. Heute nun wurde auch ein erster Fall aus den USA bekannt.

Begonnen hatte alles im März 2012. Ein 25-jähriger Student in Jordanien leidet damals an Husten – ein paar Tage später fühlt er sich schlapp. Er ist kurzatmig, hat Fieber, der Beginn einer Lungenentzündung. Er geht ins Krankenhaus. Sein Zustand verschlechtert sich, er kommt auf die Intensivstation, wird künstlich beatmet. Als er am 25. April stirbt, haben mehrere Ärzte und Pfleger ähnliche Symptome entwickelt. Eine Krankenschwester stirbt. Dann verschwindet die mysteriöse Krankheit wieder.

Lungenentzündung, Atemnot, hohes Fieber

Zwei Jahre später ist klar: Der junge Mann ist an einem Virus gestorben, das der Menschheit vorher nicht bekannt war. Heute hat es einen Namen: Middle East Respiratory Syndrome Virus, Mers. Es handelt sich um ein Coronavirus, so wie Sars, das Ende 2002 in China auftauchte und sich in den folgenden Monaten in zahlreichen Ländern verbreitete. Fast 800 Menschen starben damals, ehe der Erreger eingedämmt wurde. Entsprechend besorgt beobachten Mediziner auf der ganzen Welt seither das Virus.

Mers verhält sich jedoch bisher anders als Sars. Das Virus führt zwar zu kleineren Ausbrüchen, aber der Erreger kann sich unter Menschen offenbar nur schwer ausbreiten. Forscher vermuten, dass er immer wieder von Tieren auf den Menschen springt, möglicherweise von Dromedaren.

Kein Grund zur Panik

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat inzwischen ein Notfallteam nach Dschiddah im Westen des Landes geschickt, wo ein großer Ausbruch in einem Krankenhaus aufgetreten ist. Der rasante Anstieg der Fallzahlen nährt die Angst, das Virus könnte sich verändert haben und nun leichter von einem Menschen zum nächsten springen. Wenige Monate bevor Millionen Pilger kommen, um die Heiligtümer in Mekka, Medina und Dschiddah zu besichtigen, wäre das ein Albtraum.

Angesichts von Fallzahlen im dreistelligen Bereich, besteht aber weiterhin kein Grund zur Panik. Eine Pandemie setzt das noch nicht in Gang. Und die Ursachen für den Anstieg der Fallzahlen können vielfältig sein.

Gestern Morgen ist der Forscher Christian Drosten aus Saudi-Arabien zurückgekommen. "Einige Menschen laufen da jetzt mit Atemmasken herum", sagt er. Drosten kennt sich bestens aus mit Coronaviren. Im März 2003 präsentierte er als Erster einen diagnostischen Test für das Sars-Virus. Der junge Wissenschaftler kam damit riesigen Forschungseinrichtungen wie der US-Seuchenschutzbehörde zuvor und machte sich weltweit einen Namen.

Inzwischen ist Drosten Professor für Virologie an der Universität Bonn. Nun versucht er herauszufinden, was für die plötzliche Explosion von Mers-Fällen verantwortlich ist. Könnte eine Verunreinigung im saudischen Labor zu falschen Testergebnissen führen? Lassen sich einfach mehr Menschen testen, sodass mehr Fälle bekannt werden? Oder passt sich das Virus tatsächlich an den Menschen an und wächst zu einer globalen Bedrohung heran?

Drosten sucht unter anderem im Erbgut des Erregers nach Antworten. Am Karfreitag kommt in seinem Labor in Bonn ein Paket mit 31 Patientenproben aus Dschiddah an. 29 der Proben enthalten laut dem saudischen Labor das Mers-Virus. Tatsächlich kann Drosten das Virus in 28 der 29 Proben nachweisen. Das Labor hat offenbar sauber gearbeitet. Drosten beginnt sofort damit, das Erbgut der Viren zu entziffern.

Das Mers-Virus trägt auf seiner Oberfläche ein Eiweiß namens spike, Stachel. Damit dockt es an ein Eiweiß auf menschlichen Lungenzellen an, das DPP4 heißt. Wie fest das Virus an diesen Rezeptor bindet, entscheidet, ob es dem Virus gelingt, eine Zelle zu infizieren. Sollte sich der Mers-Erreger wirklich verändert haben, dann wäre das Spike-Eiweiß der naheliegende Kandidat.