Eisige Winde, karges Grasland, hier und da ein paar Sträucher. Beringia im hohen Norden bot den Menschen der späten Eiszeit auf ihrer Wanderung von Sibirien nach Alaska gerade genug, um zu überleben. Dennoch wurde die Landbrücke zwischen den Kontinenten zu einer Basis, von der aus sie die Welt bevölkerten.

Es ist eine weit verbreitete Theorie, dass die heutigen amerikanischen Ureinwohner von eben jenen Völkern aus Sibirien abstammen, die vor 26.000 bis 18.000 Jahren über die Beringstraße von Asien nach Amerika wanderten. Diese ersten Amerikaner sollen dann binnen weniger Jahrhunderte den milderen Süden des Kontinents erschlossen haben. Damit wären sie auch die Vorfahren aller indigenen Völker.

Seit Jahren sammeln sich die Belege für die Annahme, einige Forscher zweifeln aber an dieser Bevölkerungsgeschichte. Genetische Untersuchungen und Knochenfunde passen nicht zusammen. Und so lautet die umstrittene Frage: Wer waren die ersten Besiedler Amerikas, woher kamen sie? Gab es bloß eine Gruppe von Einwanderern oder doch mehrere, gar aus Europa?

Ein Fund aus Mexiko soll nun die Antwort liefern – zumindest wenn es nach dem Paläoanthropologen James Chatters geht. Er gilt als Verfechter der einfachen Siedlungshypothese. Zusammen mit seinem Team entdeckte er in einer Unterwasserhöhle das nahezu vollständige Skelett einer jungen Frau aus der Zeit des Spätpleistozän. Laut den Forschern ist Fundstück HN5/48 – liebevoll "Naia" genannt – mit 12.000 Jahren eines der ältesten Knochenbündel der Neuen Welt und, weit entscheidender, der beste Beweis dafür, dass die Vorfahren der ersten Amerikaner Wanderer aus der Beringstraße waren (Chatters et al., 2014).

Die Ureinwohner gleichen modernen Menschen aus Afrika

Doch warum halten manche eine Siedlergruppe als Ursprung der heutigen Ureinwohner Amerikas für unwahrscheinlich? Vor allem die unterschiedliche Schädelform der ersten Einwanderer und ihrer möglichen Nachfahren irritiert. So ähneln die heutigen Ureinwohner stark Menschen aus China, Korea und Japan. Die bislang gefundenen Schädel von Paläoamerikanern, die vor mehr als 9.000 Jahren Fuß auf den Kontinent setzten, jedoch haben kaum etwas mit ihnen gemein. Sie sind meist länger und schmaler, auch sind die Gesichter kleiner und kürzer. Damit gleichen sie eher modernen Menschen aus Afrika oder Australien.

Vor zwei Jahren hatten gleich zwei große Studien entscheidende neue Erkenntnisse geliefert. So verglichen Forscher damals erstmals umfassend das Erbgut heutiger Ureinwohner (Reich et al., 2012) – es ähnelt sich genetisch stark. Andere zeigten, dass statt einer mindestens zwei Kulturen vor rund 14.000 Jahren Nordamerika bewohnten (Jenkings et al., 2012), die den Kontinent in drei Wellen erschlossen. Kamen die Vorfahren der Ureinwohner also doch aus unterschiedlichen Ländern?

Das muss nicht sein, wie Naia als eine der Urmütter der amerikanischen Bevölkerung nun zeigt. Zufällig waren Höhlentaucher während einer Erkundungstour auf das Skelett gestoßen, das sie sogleich tauften. Der Name "Naia" leitet sich von den Nymphen der griechischen Mythologie ab, den Najaden, die über Quellen, Bäche, Flüsse, Sümpfe, Teiche und Seen wachen.

Die Überreste aus der Tiefe zu bergen war abenteuerlich. "Die Hoyo Negro ist heute eine Unterwasserhöhle so groß wie eine Profi-Basketballarena inmitten eines Höhlensystems tief unter der Erde", sagt Chatters, Erstautor der nun veröffentlichten Science-Studie. Allein erfahrene Taucher können den Grund erreichen. Dafür mussten sie zunächst einen rund zehn Meter tiefen Schacht hinabsteigen, einen Tunnel durchschwimmen und anschließend 30 Meter tief hinabsinken. Als Entdecker kam ihnen die Ehre zuteil, dem Skelett einen Namen zu geben. Die Taucher waren die Astronauten dieses Projekts, wir Wissenschaftler die Einsatzbasis", sagt Chatters. Noch vor Ort reinigte und vermaß das Team die Knochen für ein 3-D-Computermodell. 

Nahezu alle Gebeine sind noch intakt, vereinzelt aber weisen sie Frakturen auf. "Die Verletzungen decken sich mit der Theorie, dass das Mädchen einst in das Erdloch gefallen ist", schreiben die Forscher. Rund 1,50 Meter war Naia groß, als sie im Alter von 15 oder 16 Jahren verstarb; Randnotizen für Chatters und sein Team. Das Entscheidende: Der Schädel ist auffallend lang und hoch mit einer ausgeprägten Stirn, die Augen standen weit auseinander, die Nase war breit. Damit lässt auch Naia optische Ähnlichkeiten mit den heutigen Ureinwohnern vermissen.