Großer Applaus im Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt: Um halb zwölf bestätigt Rosetta-Flugleiter Sylvain Lodiot, dass die letzte Bremszündung der Raumsonde erfolgreich war. Nach zehnjährigem Flug durchs All hat die Raumsonde nun tatsächlich den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko erreicht, kurz 67P genannt. Das Ereignis lag da allerdings bereits 22 Minuten zurück. So lange brauchte das Signal, um den 400 Millionen Kilometer langen Weg von der derzeitigen Position des Kometen weit hinter der Sonne bis zum Kontrollzentrum in Darmstadt zurückzulegen.  

Paolo Ferri, Flugleiter der europäischen Satellitenmissionen, saß schon 2004 zum Start der Mission im Kontrollraum. Er hat heute keine Überraschung erwartet. Der spannendste Moment der Mission war für ihn bereits im Januar gekommen, als sein Team nägelkauend auf das erste Signal von Rosetta nach einer zweieinhalbjährigen Winterschlafphase im äußeren Sonnensystem wartete. "Damals war ich viel aufgeregter als heute", gesteht er.

Andere sind da ergriffener: "Rosetta war und wird noch lange eine einzigartige Mission bleiben", sagt der scheidende Esa-Chef Jean-Jacques Dordain.

Fotos aus ungekannter Nähe

Inzwischen können die Forscher auch erste Detailfotos bestaunen, die den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko aus 100 Kilometer Entfernung und damit aus bisher ungekannter Nähe zeigen. "Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich", sagte Holger Sierks, Chef des Forscherteams, das die Kamera gebaut hat und nun für sechs Monate exklusiven Zugang zu ihren Daten hat.

Große Ebenen, sind auf dem dreidimensionalen Bild deutlich zu erkennen, Klippen von 100 Meter Höhe, ein Tal hausgroßer Brocken. "Woraus sie bestehen, werden wir jetzt herausfinden", sagte ein überglücklicher Sierks: "In den nächsten Monaten werden wir bei der Annäherung von Rosetta an den Kometen eine nochmals zehnmal höhere Auflösung bekommen."  Auf einem Bildausschnitt hat der Forscher bereits eine Gasfontäne ausmachen können, die aus dem Komet austritt. Auf einem weiteren sah er Muster auf der Kometenoberfläche, die ihn an eine Skiabfahrt erinnern.

Pünktlich zum großen Event konnten die Esa-Forscher aber auch mit einer echten Überraschung aufwarten. Auf einem bereits am vergangenen Freitag geschossenen aber heute erst veröffentlichten Foto ist nicht nur ein Brocken aus Eis und Staub zu sehen. Der rund fünf Kilometer lange und zwei Kilometern hohe Komet hat, nun ja, eine etwas ungewöhnliche Form.

Der Komet ist eine doppelte Kartoffel

"Wir waren natürlich überrascht zu sehen, dass der Komet nicht die Form einer Kartoffel, sondern zweier miteinander verbundener Kartoffeln hat", sagt Stephan Ulamec, Projektmanager für das Landegerät Philae beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Mit Rosettas Ankunft in der Nähe des Kometen beginnt das spannende Finale einer rund sechs Milliarden Kilometer langen Reise, die im Herbst mit der ersten Landung auf einem Kometen gekrönt werden soll.

Soweit ist es allerdings noch nicht. Da die Anziehungskraft von 67P zu gering ist, wird Rosetta dieser Tage nicht in eine stabile Umlaufbahn einschwenken. Stattdessen navigieren Forscher sie vom Kontrollzentrum der europäischen Weltraumagentur Esa in Darmstadt aus mit komplizierten Manöver in einem Dreiecksflug wochenlang um den Kometenkern herum. Kilometer um Kilometer wird sie sich dem Himmelskörper nähern, bis drei Kilometer über der Oberfläche das Landemanöver eingeleitet wird.

Immer noch kann die Mission scheitern

Im November soll der mitgeführte Lande-Roboter Philae dann auf dem Kometen absetzen und mit ihm Richtung Sonne fliegen. Wo genau das sein soll, ist allerdings noch offen. Nachdem sich jetzt herausgestellt hat, dass der Komet eine Taille in der Mitte hat, kann Philae wohl nur entweder auf dem Kopf des kleineren oder auf der Seite des größeren Teils von Tschurjomow-Gerasimenko landen. Genaueres wissen die Forscher aber erst wenn sich Rosetta dem Kometen bis auf die besagten drei Kilometer angenähert hat. Zudem müssten die bislang im Schatten gelegenen restlichen 30 Prozent des Kometen erkundet werden. Denn nach wie vor ist der Erfolg der Mission nicht sicher. Würden die Forscher vor der Landung eine nur 50 Zentimeter hohe Delle auf dem Kometen übersehen, könnte das ausreichen, damit die ganze Landung misslingt.

Damit die Landeeinheit trotz der geringen Anziehungskraft des Kometen überhaupt eine Chance hat, auf dem Himmelskörper stehen zu bleiben, sollen nach dem ersten Bodenkontakt zwei Harpunen in den Boden geschossen werden. Dann können die Messungen beginnen, stets überwacht von Rosetta, die die beiden begleiten wird.

Forscher nennen den Kometen liebevoll "Tschury"

Bis August 2015 wird sich das Dreiergespann aus Komet, Rosetta und Philae der Sonne bis auf 195 Millionen Kilometer nähern. Besonders in der letzten Phase dieser Reise wird es dann spannend werden. "Noch schläft 'Tschury', aber wenn er sich der Sonne nähert, wird er seine Koma und seinen Schweif ausbilden", erklärt Mark McCaughrean, leitender Wissenschaftsberater der Esa. Die Forscher hoffen dann nie dagewesene Daten über die Schweifentstehung und Veränderungen des Kometen zu bekommen.

Wer darf wie viel forschen?

Doch bei aller Vorfreude auf die vielen Möglichkeiten, die die Sonden und der Komet Tschurjumow bieten, ist Streit unter den Forschern gewissermaßen schon vorprogrammiert. Die Bandbreite für die Übertragung von Messwerten der 20 wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Rosetta und des Landegeräts ist nämlich knapp bemessen. Die Übertragungsrate beträgt maximal 22 Kilobit pro Sekunde, eine Geschwindigkeit wie bei ruckelnden Modems, die in den 90er Jahren für den schleppenden Internetzugang genutzt wurden.

Laurence O’Rourke und seinem Team im wissenschaftlichen Rosetta-Operationszentrum in Spanien kommt darum eine wichtige Rolle zu.  Sie werden regelmäßig zwischen den verschiedenen Forschergruppen vermitteln und in letzter Instanz die harte Entscheidung treffen müssen, wer für welche Messungen wie viel Bandbreite bekommt und welcher Forscher leer ausgeht.

Tschurjumow, ein Komet zweiter Wahl

Dass sich einmal Wissenschaftler derart um den Kometen Tschurjumow balgen würden, war aber lange nicht abzusehen. Denn eigentlich ist er nur die zweite Wahl. Das ursprüngliche Ziel der Mission war 46P/Wirtanen. Der nur etwa 700 Meter große Kometenkern sollte vom Jahr 2011 an von einem Orbiter und direkt von der Oberfläche aus untersucht werden. Probleme mit dem "Ariane 5"-Raketenprogramm machten einen rechtzeitigen Start der bereits nach Französisch-Guayana transportierten Sonde im Januar 2003 jedoch unmöglich.

Die Forscher hielten nach einem neuen Kandidaten Ausschau. Letztlich entschieden sie sich für Tschurjumow, der 1969 entdeckt wurde, ebenfalls recht klein ist und damit als für das erarbeitete Landekonzept geeignet gilt.

Wissenschaftler erhoffen sich von der Mission neue Erkenntnisse über die Entstehung des Sonnensystems. Kometen sind die wahrscheinlich ältesten weitgehend unveränderten Reste der gigantischen Staubscheibe, aus der vor 4,6 Milliarden Jahren unser Planetensystem entstand. Sie sind zu kalt und zu klein, ihre Schwerkraft ist zu gering, als dass chemische oder geologische Prozesse sie veränderten.