Zehn Jahre, fünf Monate und vier Tage hat die 6,4 Milliarden Kilometer lange Reise gedauert. Viermal musste die am 2. März 2004 auf der Spitze einer Ariane-Rakete gestartete Rosetta-Sonde die Sonne umkreisen, dreimal hat sie sich von der Erde und einmal vom Mars zusätzlichen Schwung geholt und ist quer durch den Asteroidengürtel weit aus dem inneren Sonnensystem hinaus geflogen. Dort hat sie jetzt ihr Ziel eingeholt, den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. Es ist eine der ehrgeizigsten – und mit Gesamtkosten von einer Milliarde Euro auch teuersten – Missionen der europäischen Raumfahrt. Am Mittwoch wird die Ankunft der Sonde nahe des Kometen gefeiert.

Die Chefs der beteiligten Raumfahrtorganisationen und Forschungseinrichtungen treffen sich dafür im Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumbehörde (Esa) in Darmstadt. Die Veranstaltung, auf der auch eine erste detaillierte Nahaufnahme des Kometen präsentiert werden soll, wird als Livestream übertragen.

Zuvor hatte es Beschwerden über die Informationspolitik der Esa gegeben. In einem offenen Brief beklagten Raumfahrtfans, dass "die Öffentlichkeit bei Rosetta nur durchs Schlüsselloch lugen darf" und forderten die Veröffentlichung einiger Bilder und Rohdaten in Echtzeit. "Die Instrumente gehören aber nicht der Esa, sondern den Wissenschaftsorganisationen, die sie entwickelt haben", erklärt Esa-Sprecher Andreas Schepers. Ein Vertrag legt fest, dass ihnen alle Bilder und Messergebnisse für sechs Monate exklusiv zur Verfügung stehen. Das soll den Forschern einen ausreichenden Vorsprung geben, damit sie die für ihre wissenschaftliche Karriere so wichtigen Publikation über die interpretierten Daten fertigstellen können.

Früherer Projektleiter wird aus der Rente zurückgeholt

Viele Mitglieder des Projektteams, die ab Mitte der 1990er Jahre an der Entwicklung der 20 Bordinstrumente beteiligt waren, sind bereits im Ruhestand. Einige von ihnen werden trotzdem in Darmstadt erwartet. Gerhard Schwehm, langjähriger wissenschaftlicher Projektleiter, wird sogar als Berater aus der Rente zurückgeholt. "Der Erhalt des Wissens ist eine der größten Herausforderungen einer solchen Langzeitmission", sagt der Physiker. Schon vor Jahren hat er eine große Datenbank mit Dokumenten und Interviews zu allen Instrumenten der Sonde angelegt.

Waren die ersten veröffentlichten Bilder der beiden Rosetta-Kameras während des Anflugs noch verschwommen, zeigen sie seit einigen Tagen immer mehr Details des zerklüfteten Kometen. Er besteht aus zwei Teilen, die durch einen schmaleren Hals verbunden sind. "Dieser Bereich sieht heller aus als der Kopf und der Körper des Kometenkerns", sagt Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, das eine der Kameras entwickelt hat. Womöglich habe sich dort Material abgelagert, das bei einer früheren Annäherung an die Sonne zunächst vom Kometen ausgestoßen wurde, dann aber nicht in seinen Schweif geriet, sondern unter dem Einfluss des Schwerefelds auf die Oberfläche zurückfiel.

Die Oberfläche besteht laut der bisherigen Analysen aus einer Mischung verschiedener Materialien. Darauf deutet nicht nur die unterschiedliche Helligkeit, sondern auch die erste Temperaturmessung der Infrarotkamera hin. Mit minus 70 Grad Celsius ist Tschurjumow-Gerasimenko 20 bis 30 Grad wärmer als ein Komet, der nur aus Eis bestehen würde. Offenbar entspricht er mehr dem "dreckigen Schneeball", den die meisten Kometenforscher auch erwartet hatten.

Ein Roboter soll sich am Kometen festklammern

Für die im November geplante Landung eines Minilabors ist das eine gute Nachricht. Auf der Erde wog der Landeroboter Philae zwar ganze 100 Kilogramm, unter der Mikrogravitation des nur wenige Kubikkilometer kleinen Kometen würde er an einer harten Oberfläche jedoch abprallen wie ein Pingpongball. Harpunen und Schrauben unter den Füßen seiner drei Teleskopbeinchen sollen es deshalb bei der ersten Berührung blitzschnell am Boden verzurren. Gefrorener Staub bietet dafür mehr Halt als glattes Eis.

Anders als im Falle des Anflugs auf einen Planeten wird Rosetta jetzt, bei ihrer Ankunft in der Nähe des Kometen, nicht in eine stabile Umlaufbahn einschwenken können. Auch dafür ist Tschurjumows Anziehungskraft viel zu gering. Komplizierte Manöver werden die Sonde in einem Dreiecksflug wochenlang um den Kometenkern herumnavigieren. Die Steuerungsimpulse dafür müssen ab sofort alle drei Tage an die Sonde gefunkt werden, ihre vor mehr als zehn Jahren eingespeicherte Programmierung endete nämlich am Tag vor Erreichen ihres Ziels.

Rosetta analysiert den entstehenden Kometenschweif vor Ort

Der Mindestabstand zum Kometen wird in den nächsten Wochen ganz langsam von zunächst 100 auf drei Kilometer verringert. In dieser Zeit entsteht ein exaktes dreidimensionales Modell des Kometen, seine Masse und Zusammensetzung werden bestimmt und ein geeigneter Landeplatz gesucht. Dabei wird sich Tschurjumow-Gerasimenko der Sonne nähern. Seine Temperatur steigt langsam an, Gas entweicht, reißt Staub von der Oberfläche mit und bildet den typischen, bis zu 100 Millionen Kilometer langen Schweif. Von der Erde wird er mit bloßem Auge zwar nicht zu sehen sein, doch Rosetta soll aus nächster Nähe analysieren, wie er entsteht und woraus er genau besteht.

Damit die Sonde mitten in der Staubkoma nicht die Orientierung verliert, musste ihr Navigationssystem, der Startracker, mit einer außergewöhnlichen Software ausgestattet werden. Sie kann die Sternbilder, an denen sie sich ausrichtet, von all den Staubteilchen unterscheiden, die im Sonnenlicht aufleuchten und Sterne vorgaukeln.

Im August 2015 kommt der Komet der Sonne am nächsten, danach kehrt er in die Tiefe des Planetensystems zurück und fällt langsam wieder in Kältestarre. Rosetta wird ihn weiter begleiten und beobachten – bis ihr Treibstoffvorrat erschöpft ist und die Mission Ende 2015 offiziell endet.

Im Livestream überträgt die Esa die Ankunft der Rosetta-Sonde. Die Übertragung finden Sie unter diesem Link.