In den 1950er Jahren führte der Verhaltensforscher Desmond Morris Kunstversuche mit dem Schimpansen Congo durch. Was mit einer zögerlichen Bleistiftlinie Congos begann, führte bald zu ausdrucksstarken, kraftvollen abstrakten Kompositionen. Julian Huxley und Pablo Picasso zählten zu ihren Käufern.

Congo malte mit Leidenschaft, aber "Wirkung" interessierte ihn nicht. Er hatte kein Bedürfnis, seine Bilder zu zeigen. Vielmehr zerriss er sie gern, sobald sie fertig waren. Morris musste sich anstrengen, die Gemälde in jenem kritischen Moment in seinen Besitz zu bringen, in dem der Affe das Werk bereits vollendet – Versuche, es ihm vorher zu entreißen, konnten böse enden -, mit seiner Vernichtung aber noch nicht begonnen hatte.

Der Schimpanse musste zum Malen nicht motiviert werden. Im Gegenteil: Als Morris ihm versuchsweise für jedes fertige Bild einen Leckerbissen zusteckte, sank sein Interesse am Malen deutlich. Jetzt klatschte er seine Werke so schnell wie möglich auf die Leinwand, lustlos und uninspiriert, um sich dann eilig den Belohnungen zu widmen.

Während ich Auswilderung schrieb, meinen ersten Roman, wurde ich oft gefragt, wie lange es noch dauere. Es dauert, so lange es dauert, sagte ich. Ich arbeite an einem Buch, nicht auf dem Truppenübungsplatz. Aber ob ich denn überhaupt einen Verlag, eine Agentur hätte? Ein Produkt anzufertigen, ganz ohne Aussicht auf Abnehmer - sei das nicht naiv? Kann schon sein, dachte ich mir und widmete mich wieder der Arbeit am Text.

Congo, ein interessanter Autorenfreund

Was, wenn man mir für jede fertige Seite eine Handvoll Erdnüsse zugesteckt hätte? Wenn man mir die Veröffentlichung garantiert hätte, und Wirkung – zu gefallen, zu inspirieren, zu provozieren, was der Zoologe Frans de Waal für die Absichten von Menschenkunst hält? Wenn ich gewusst hätte, dass andere, vor allem Angehörige des anderen Geschlechts, von meinem Werk beeindruckt sein würden – worin der Evolutionspsychologe Geoffrey Miller den Zweck menschlicher Kunst vermutet: Hätte sich mein Ausstoß erhöht und mein Interesse vermindert? Wäre derselbe Text herausgekommen?

Die literarische Öffentlichkeit befindet sich auf der Suche nach dem, so hört man, zunehmend schwerer zu findenden "Unangepassten". Zu den interessanteren meiner Autorenfreunde zählen Persönlichkeiten wie Congo, und es mag die Mühe wert sein, ihnen ihre Manuskripte zu entwinden, ehe sie sie in Stücke reißen.


Am 15. September ist der erste Roman der Autorin Bettina Suleiman im Suhrkamp Verlag erschienen. In "Auswilderung" experimentiert die Forscherin Marina für ein Millionenprojekt der UN mit Gorillas auf einer Insel im Roten Meer. Die Tiere wachsen wie Menschen auf, doch sollten sie dieselben Rechte haben? Was wären die Konsequenzen? In Anlehnung an den Roman hat die Autorin fünf Essays verfasst, die ZEIT ONLINE exklusiv veröffentlicht. Die Themen: Tierkunst, Konditionierung, Ein Tier sein wollen, Arbeitsmoral und Selbstausbeutung in der Wissenschaft.