Die Familie der Europäer ist mit einem Schlag um einige Tausend Verwandte reicher. Wie eine aktuelle Nature-Studie zeigt, zählt zu den Urahnen der europäischen Bevölkerung eine Volksgruppe aus dem Norden Eurasiens (Lazaridis et al., 2014). Bisher waren bloß genetische Übereinstimmungen mit zwei anderen Populationen bekannt: den westeuropäischen Jägern und Sammlern sowie ersten europäischen Bauern, die aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen waren.

Dort hatten die Menschen vor rund 11.000 Jahren begonnen, Felder zu bewirtschaften, Tiere zu halten und sesshaft zu werden. Als sie 2.000 Jahre später nach Europa einwanderten, brachten sie ihre bäuerliche Lebensweise mit und vermischten sich mit den vor Ort lebenden Jägern und Sammlern. Doch die Familiengeschichte der Europäer ist damit nicht auserzählt. Es gab einen weiteren Zustrom, wie eine umfassende Genanalyse beweist.

"Uns war schon lange klar, dass neben den Jägern und Sammlern auf der einen Seite und den Ackerbauern und Viehzüchtern auf der anderen noch eine dritte genetische Komponente geben musste", sagt der Paläogenetiker Johannes Krause von der Universität Tübingen. Frühere Erbgutanalysen hatten rätselhafte Gemeinsamkeiten zwischen den Weltvölkern aufgeworfen. "Die Lösung haben wir nun gefunden."

Insgesamt hat das Forscherteam dafür das Genmaterial von rund 2.400 heute lebenden Menschen aus der ganzen Welt untersucht und mit jenem von neun Ur-Europäern verglichen: einer Bäuerin, die vor rund 7.000 Jahren gelebt hatte und deren fossile Überreste in der Nähe von Stuttgart gefunden wurden, und von acht etwa 8.000 Jahre alten Skeletten aus Luxemburg und Schweden. Das Ergebnis: Einige Zeit nach den nahöstlichen Bauern kam eine Volksgruppe aus dem Nordwesten Asiens nach Europa und hinterließ ihre Spuren im Erbgut. Krause schätzt, dass die Gruppe vor rund 7.000 Jahren den Kontinent besiedelte.

Neue Verwandte: die Ureinwohner Nordamerikas

Das Erbgut der Nordeurasier findet sich zwar bei fast allen heute lebenden Europäern, doch es bestehen starke regionale Unterschiede. In Sardinien beispielsweise, wo es in den vergangenen Jahrtausenden kaum Migration und damit nur geringfügig genetische Durchmischung gegeben hat, macht die DNA der Nordeurasier nur rund ein Prozent aus, während etwa 90 Prozent des Erbguts von den Ackerbauern stammen. Im Baltikum dagegen kommt rund ein Fünftel der Gene aus dem Nordwesten Asiens.

Es ist unumstritten, dass die Bauern aus dem Nahen Osten ihre Kenntnisse über Viehzucht und Ackerbau importierten. Laut Krause könnten die Eurasier ebenfalls etwas mitgebracht haben, das bis heute Spuren hinterlassen hat: ihre Sprache. Damit könnten sie den Grundstein für Verwandtschaft asiatischer und europäischer Sprachen gelegt haben, die heute in der indogermanischen Sprachgruppe vereint sind. Das zu beweisen, wäre allerdings Aufgabe von Sprachwissenschaftlern.

Doch der bislang unbekannte Vorfahr verrät nicht allein Neues über die Migrationsgeschichte Europas. Er bringt zudem neue Verwandte aus Übersee mit sich: die Ureinwohner Nordamerikas. Ein Teil der nordeurasischen Population soll nämlich vor rund 14.000 Jahren den amerikanischen Kontinent besiedelt haben, ein anderer Teil wanderte Jahrtausende später nach Europa ein. Die neuen Ahnen, sie waren ein umtriebiges Volk.