Etwa 400 Kilometer über Nordamerika dürfte sich die ISS befinden, wenn Alexander Gerst am Dienstag um 14:15 Uhr deutscher Zeit die Schwelle zum Weltraum übertritt. Der Geophysiker lebt seit vier Monaten auf der Internationalen Raumstation. Dies wird sein erster Außeneinsatz. Während das Team an Bord Forschungsprojekte durchführt, dient die Mission nicht primär einem höheren wissenschaftlichen Zweck. Vielmehr wird geräumt und geschraubt – Alexander Gerst geht auf Montage.

Von einem "Weltraumspaziergang" kann da kaum die Rede sein. Die einzelnen Arbeitsschritte wurden schon vor Monaten minutiös geplant, die Astronauten haben eine Choreografie einstudiert. Jeder Handgriff muss sitzen, jede Minute des siebenstündigen Einsatzes zählt.

Zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Reid Wiseman wird Gerst eine defekte Pumpe abtransportieren und ein Energie-Aggregat an einem Roboterarm anbringen. Die Nasa überträgt den Einsatz währenddessen im Webstream auf ihrer Seite. Während die Astronauten im All schweben, wird die ISS mehr als vier mal die Erde umkreisen. Mit einer Geschwindigkeit von 28.800 Stundenkilometern braucht sie für eine Umrundung 90 Minuten.

Vier Stunden Sport bis zum Ausstieg

Von dem Rausch der Geschwindigkeit bekommt das Team nichts mit. Auf das Vakuum im All jedoch müssen sie sich vorbereiten. Der Druckunterschied zwischen ISS und Weltraum ist so groß, dass sonst alle Körperfunktionen zusammenbrechen würden. Die Nacht hat Gerst daher in einer Kammer mit reduziertem Druck verbracht, die er bis zum Einsatz nur noch mit einer Sauerstoffmaske verlassen darf. So soll aus seinem Körper möglichst viel Stickstoff verbannt werden, der sich sonst im Blut anreichern würde und zu Folgeschäden wie Kreislaufbeschwerden oder Lähmungen führen könnte. Bereits vor dem Ausstieg wird Gerst seinen Weltraumanzug anlegen, die verbleibende Zeit darf er sich mit Sportübungen vertreiben. Vier Stunden hat er dafür Zeit.

Um 14.15 Uhr schließlich wird sich die Tür zum All öffnen, wo die eigentliche Arbeit beginnt. Die defekte Kühlpumpe muss außen auf einer speziellen Lagerfläche unter einem Isolationszelt verstaut werden. Dort ist sie vor dem Temperaturgefälle geschützt, das im Weltraum bis zu 200 Grad Celsius betragen kann. Im Anschluss müssen Gerst und sein Kollege ein Stromaggregat an einen mobilen Roboterarm anbringen, wodurch der Arm unabhängig von seinem Aufenthaltsort mit Energie gespeist werden soll. Mit dem Arm sollen Lasten von einem Gewicht bis zu einer Tonne entlang der Oberfläche der Station transportiert werden.

Der ehemalige Esa-Astronaut Hans Schlegel kennt die Risiken des Einsatzes. Er nahm selbst im Jahr 2008 an einer ISS-Mission teil und weiß, wie beschwerlich die Arbeit außerhalb der Station ist: "Man arbeitet in einer behindernden Umgebung. Wir tragen zwei dicke Handschuhe übereinander und müssen damit schmale Stecker verbinden – das schafft eine Menge Unwegbarkeiten."

Hinzu drohen Gefahren aus dem All: Kleine Meteoriten könnten bei der extra-vehicular activity, kurz EVA, den Anzug beschädigen, die Astronauten vom Raumschiff abtreiben oder sich in einem der Befestigungsseile verfangen. "Die meisten EVAs verlaufen aber ohne Probleme", sagt Schlegel.

Astronauten sind Forscher, Techniker und Hausarzt in einer Person

Gern würde der Astronaut sagen, dass Alexander Gerst sich nach seinem Außeneinsatz wieder ganz der Forschung an Bord widmen kann. Doch wer auf der ISS lebt, ist mehr als ein Wissenschaftler im Außeneinsatz: "Von den sechs Mannschaftsmitgliedern auf der Station sind viereinhalb Leute für die ISS und eineinhalb für die Forschung dort." Um das Leben im Vakuum sicherzustellen, müssten Filter gesäubert und Versorgungstanks ausgetauscht werden. Astronauten sind Forscher, Techniker und der eigene Hausarzt in einer Person. Sie müssen darauf achten, ausreichend zu schlafen und ausgewogen zu essen. Außerdem stehen pro Tag mindestens zwei Stunden Sport auf dem Programm, um dem Muskelschwund in der Schwerelosigkeit entgegenzuwirken.

Nicht zuletzt gilt es, den Kontakt zu ihren Familien, Freunden und Fans zu halten. Alexander Gerst lebt das in vollen Zügen aus. Regelmäßig schickt er Videogrüße an die Erde, schreibt einen Blog und twittert. "Jeder dort oben möchte das Erlebnis mit den Menschen auf der Erde teilen", sagt Schlegel. Der Astronaut von heute muss eben auch ein Händchen für die Öffentlichkeitsarbeit mitbringen.