Tanorexie, die

aus Tan (engl. die Bräune) und Anorexie

Vom Bräunungsstudio als Proletengrill zu sprechen mag von einem Mangel an verbaler Zurückhaltung zeugen oder von einem Übermaß an Vorurteilen. Doch immerhin wurde schon einmal ernsthaft ein Solarienverbot für Minderjährige diskutiert – anders kann man ja per Gesetz schwerlich sortieren. Aber weiß nicht andererseits jeder um die gesundheitlichen Risiken, die zu viel Sonnenbaden birgt?

Offenbar nicht! Rund 130.000 Menschen erkranken hierzulande jährlich an Hautkrebs, als Hauptursache sehen Dermatologen übermäßige Bestrahlung mit UV-Licht – egal ob es von der echten oder aus einer künstlichen Sonne stammt. Und das alles nur, um schön braun zu sein... Geringes Lebensalter ist dabei ein Risikofaktor, ein anderer soll Unwissen sein, hieß es im Kontext der Debatte.

Nun wirft die jüngere Forschung aber noch ein ganz anderes Licht auf das Phänomen exzessiven Bräunens: Was, wenn einige Menschen nicht anders können? Wie Süchtige? Kleinere Studien deuten darauf hin. Und auch ein pathologisches Vorbild existiert: Magersucht- patienten finden sich selbst dann noch zu dick, wenn sie sich längst spindeldürr gehungert haben. Entsprechend könne auch bei Sonnenbadenden eine verzerrte Selbstwahrnehmung dazu führen, dass sie ihre längst bronzene Haut noch als zu blass und damit unattraktiv empfinden. Und deshalb süchtig nach Sonne oder Solarium werden.

Als psychische Störung anerkannt ist das noch nicht. Einige Wissenschaftler sprechen aber bereits vom UV-Licht-Missbrauch. Gelungener ist da der Begriff Tanorexie. Er speist sich aus dem englischen Wort für Hautbräunung (engl. tan) und Anorexia nervosa, dem Fachwort für Magersucht. Falls dann eines Tages doch das Solarienverbot käme, Tanorexie würde zur Saisonsucht des Sommers – auf die im Winter unweigerlich der kalte Entzug folgen würde.

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