Etwa sieben Kilometer vom englischen Seebad Brighton entfernt liegt der Clayton-Tunnel. Er ist zwei Kilometer lang, seine Ein- und Ausgänge sehen aus wie die Portale eines alten englischen Schlosses, Türmchen inbegriffen. Eine trügerische Idylle. Denn in diesem schönen Bauwerk brach an einem Sonntagmorgen im Sommer des Jahres 1861 ein Inferno aus, als die Lokomotive eines Zuges, der mit 40 km/h in den Tunnel eingefahren war, auf einen rückwärts fahrenden anderen Zug prallte.

Das Unglück sollte in die Eisenbahngeschichte, die Technikgeschichte und in die Literaturgeschichte eingehen. Es enthält eine Warnung, auch für uns Heutige.

Die Lok stieß zuerst den Bremswaggon des rückwärtsfahrenden Zuges von den Schienen, durchpflügte sodann einen vollbesetzten Passagierwaggon, hob selbst von den Schienen ab und legte sich über das, was vom Personenwaggon übrig geblieben war. Ein Vorgang, in dem ungeheure Kräfte wirkten. Ihre Formel lautet p = m* v: p ist der Impuls, also die Wucht, mit der beide Züge aufeinanderprallten.

Der Gesamtimpuls ergibt sich aus der Summe ihrer Massen, multipliziert mit der Summe ihr Geschwindigkeiten. Man täusche sich also nicht über die mäßigen 40 km/h des einfahrenden Zuges, da war ja noch der andere, und beide waren viele Tonnen schwere Stahltrumms: Das ergab eine machtvolle, zerstörerische Kollision.

Feuer, Kohlenrauch, Heißdampf

Sofort war alles Feuer, Kohlenrauch, Heißdampf, schneidender Stahl, splitterndes Glas, tonnenschwere Last von oben, Schreien, Blut und Leichenteile. Die Hilfsmannschaften kamen nur mühsam voran. Es starben 23 Menschen, 176 wurden verletzt geborgen. Das war der 25. August 1861, und die eisenbahnverrückte englische Gesellschaft erlitt einen Schock.

Wie konnte das geschehen? Schauen wir uns den Ablauf näher an.

Für die Süd-Nord-Strecke von Brighton nach London waren an diesem Morgen drei Züge eingeteilt. Erstens ein Sonderzug aus Portsmouth, der Brighton um 8:05 Uhr Richtung London verlassen sollte. Zweitens ein Sonderzug von Brighton nach London, geplante Abfahrt 8:15 Uhr, drittens der reguläre Zug Brighton-London, 8:30 Uhr. Der Plan hielt die Regel ein, dass ein Zeitabstand zwischen Zugabfahrten auf derselben Linie nicht weniger als fünf Minuten betragen durfte.

Nur leider traf der erste Zug, der aus Portsmouth, zu spät in Brighton ein. Die realen Abfahrtszeiten vom Bahnhof in Brighton sahen infolgedessen etwas anders aus: 8:28 Uhr, 8:30 und 8:35 Uhr. Bisschen sehr knapp also.

Soweit Brighton. Nun der Tunnel. Sein Sicherheitssystem wies zwei Ebenen auf und funktionierte im Prinzip folgendermaßen:

Die erste Ebene bestand aus den Wärtern an den zwei Enden des Tunnels und ihrem Telegraphen, über den sie miteinander Nachrichten austauschen konnten. War ein Zug in den Tunnel gefahren, telegrafierte der Eingangswärter an den Ausgangswärter: "Zug im Tunnel." Sollte sich ein zweiter Zug dem Tunneleingang nähern, winkte der Eingangswärter ihm mit der roten Signalflagge, damit der Lokführer anhalte. Sobald der erste Zug den Tunnel verließ, telegrafierte der Ausgangswärter wiederum "Tunnel frei" an den Eingangswärter, und dieser konnte einen eventuell nachfolgenden Zug durchlassen. Simpel.