Das neue Kapitel in der Geschichte der bemannten Raumfahrt, das heute in Cape Canaveral aufgeschlagen werden sollte, muss noch einen Tag warten, mindestens. Dann soll vom Luftwaffenstützpunkt eine Rakete abheben, die den langersehnten Nachfolger des legendären Space Shuttles ins All trägt: Orion, jenes Raumschiff, das künftig Menschen zum Mars bringen soll.  

Der Testflug namens EFT-1 sei eine "erste Feuerprobe", wie Mike Sarafin, der Flugdirektor der Mission der Arizona Daily Sun, sagte. Gelingt sie, sind die USA wieder mittendrin im Geschäft mit der bemannten Raumfahrt. Das bestimmen derzeit Russland und China.

Doch hält die Kapsel den harschen Bedingungen auf dem Flug ins All überhaupt Stand? Zwar passen bis zu vier Astronauten in das Gefährt, zunächst jedoch wird es ohne Besatzung abheben. Die Kapsel wird auf der Spitze einer Delta-IV-Heavy-Trägerrakete in den Weltraum gebracht. Nach einer Umrundung der Erde in relativ geringer Höhe verlässt das Raumschiff den Bereich der niedrigen Erdumlaufbahnen zwischen 160 und 2.000 Kilometern; zuletzt hatten Astronauten diese Grenze vor mehr als 40 Jahren bei der sechsten und letzten Mondlandung auf der Apollo-17-Mission 1972 überschritten. Nach gut drei Stunden ist dann die angestrebte Entfernung von 5.800 Kilometern von der Erdoberfläche erreicht.

Anschließend beginnt für die Ingenieure im Kontrollzentrum der spannendste Teil des Testfluges: der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Die Kapsel kommt nach ihrer zweiten Erdumrundung mit einer Geschwindigkeit von mehr als 30.000 Kilometern pro Stunde zur Erde zurück – 85 Prozent des Tempos, das bei der Rückkehr von einer Mondmission erreicht würde.

Wird der Hitzeschild halten?

"EFT-1 ist eine Sammlung der riskantesten Ereignisse, mit denen wir es zu tun bekommen, wenn wir Menschen transportieren", sagt der Orion-Programm-Manager, Mark Geyer. "Einige davon sind nur schwer oder sogar unmöglich auf der Erde nachzustellen." Wird der neue Hitzeschild der Kapsel halten? Können die elf Fallschirme eine sichere und halbwegs sanfte Landung des Gefährts im Pazifik gewährleisten? Und wie hat sich die Strahlung des inneren Van-Allen-Gürtels, den die Kapsel bei ihrem Ausflug passieren wird, auf die Instrumente des Raumschiffs ausgewirkt?

Die Fragen gilt es zu klären, bevor sich die Weltraumorganisation größeren Zielen widmen kann. Ziele, die Präsident Barack Obama bereits am 15. April 2010 im Kennedy Space Center ausgerufen hat: "Wir können Menschen in eine Marsumlaufbahn schicken und sie sicher zur Erde zurückbringen." Eine Marslandung würde folgen. "Und ich erwarte, dass ich das noch selbst miterleben werde", sagte er.

Wie sinnvoll seine Vision ist, bleibt umstritten. Zum einen stellt eine Mars-Reise besondere Anforderungen an Technik und Menschen. Sie dauert viel länger und ist damit weit aufreibender als eine Reise bis zum Mond. Ein Raumschiff wie Orion muss dafür einen sehr zuverlässigen Antrieb besitzen. Die Lebenserhaltungssysteme müssen über die gesamte Reise, die mehrere Jahre dauern kann, funktionieren. Und es gilt, die Gesundheit der Astronauten zu schützen. Vorherige Projekte haben etwa gezeigt, dass sich Muskel- und Knochenmasse im Laufe eines langen Aufenthalts zurückbilden und die Augen geschädigt werden. Auch versetzt derart isoliertes Leben die Astronauten in einen psychischen Ausnahmezustand.

Zum anderen bleibt die Frage nach dem wissenschaftlichen Nutzen. Die Robotertechnik ist so weit fortgeschritten, dass menschliche Crew-Mitglieder kaum einen Mehrwert an Erkenntnis versprechen. Bereits im Dezember 2003 äußerte der ehemalige Nasa-Astronaut und Mondfahrer Buzz Aldrin Unverständnis. Ihm schien schon das Ziel Menschen zurück zum Mond zu bringen mehr wie ein "Griff nach vergangenem Ruhm denn wie ein Streben nach neuen Erfolgen".