Was passierte in den letzten Minuten von Germanwings-Flug 4U9525? Die Staatsanwaltschaft in Marseille hat eine erste Deutung der Aufnahmen des Sprachrekorders auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Sie sollen belegen: Zum Zeitpunkt des Absturzes des Airbus A320 in den französischen Alpen war nur der Copilot im Cockpit. Er hat den Kapitän der Maschine offenbar vorsätzlich ausgesperrt. Zudem hat er das Flugzeug in den Sinkflug gebracht, was zum Absturz führte.

Was hat der Sprachrekorder aufgezeichnet? "Der Mann draußen (Anm. d. Red.: der Kapitän) klopft leicht an die Tür, aber es gibt keine Antwort", zitiert die New York Times einen ranghohen Militärvertreter, der in die Ermittlungen eingebunden sei. "Dann klopft er stärker an die Tür, und wieder keine Antwort. Es gibt keine Antwort. Und dann kann man hören, wie er versucht, die Tür einzutreten." Warum der Kapitän das Cockpit verließ und weshalb der Copilot vorsätzlich den Sinkflug einleitete, ist unklar.

Wie funktioniert die Cockpit-Tür?

Die Tür zum Cockpit eines Airbus A320 ist elektronisch gesichert: Die Piloten bestimmen über einen Schalter im Cockpit, ob die Tür offen oder geschlossen ist. Von außen kann das Kabinenpersonal über eine Gegensprechanlage Kontakt mit den Piloten aufnehmen. Zudem gibt es außerhalb des Cockpits ein Tasten-Terminal, über das die Piloten angeklingelt werden können oder mit dem die Tür per Notfallcode geöffnet werden kann.

Die Funktionsweise wird in einem Video erklärt. Die Seite Flightradar24 hatte es via Twitter verbreitet. Laut Abspann handelt es sich um einen Erklärfilm der Firma Airbus aus dem September 2002.

Wann und wie lässt sich die Tür öffnen?

Im Normalfall steht der Türschalter im Cockpit auf "Norm" und die Tür ist geschlossen. Das Kabinenpersonal bittet dann über die Gegensprechanlage um Einlass und der Pilot öffnet per Knopfdruck die Tür. Drückt das Personal außen am Tasten-Terminal die Raute-Taste wird ebenfalls ein Einlasswunsch an die Piloten übermittelt und die Tür kann per Knopfdruck geöffnet werden. Für die Zeit der Türöffnung wird der Schalter im Cockpit auf "Unlock" gestellt.

Falls die Piloten sich dazu veranlasst sehen, können sie die Tür vom Cockpit aus für eine voreingestellte Zeit von fünf bis 20 Minuten verriegeln. Der Schalter im Cockpit steht dann auf "Lock". Die Verriegelung kann stets um weitere fünf  bis 20 Minuten verlängert werden, sodass niemand von außen zu den Piloten gelangen kann, wenn die Piloten dies aktiv verhindern.

Vermutet das Kabinenpersonal einen Notfall im Cockpit, kann die Crew über das Tasten-Terminal einen Notfallcode eingeben. Reagieren daraufhin die Piloten 30 Sekunden lang nicht, wird die Cockpit-Tür für fünf Sekunden geöffnet. Es sei denn von innen wird die Tür aktiv verriegelt gehalten. Diese Notfall-Türöffnung kann allerdings nur mit dem entsprechenden Code aktiviert werden – ansonsten bleibt die Tür standardmäßig verriegelt.    

Wie kann es sein, dass ein Pilot nicht zurück ins Cockpit gelangt?

Ein mit den Systemen vertrauter Pilot hat für ZEIT ONLINE das Video angeschaut und erläutert weitere Hintergründe. Wie sich Piloten verhalten, wenn der Steigflug beendet ist, beschreibt er wie folgt: "In der Flugphase kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe geht man nicht aus dem Cockpit, um sich etwas zu Trinken zu holen oder auf die Toilette zu gehen. In dieser Phase verlässt man als Pilot seinen Sitz nicht ohne wichtigen Grund." 

Der von Airbus verbaute Hebel des Türschalter im Cockpit gehöre außerdem zur Checkliste, die in der Startphase von den Piloten abzuarbeiten ist. Er muss beim Start in der mittleren Position auf Norm stehen. Da der Notfallcode der Tür geändert werden kann, sei es theoretisch denkbar, dass ein Pilot nach Verlassen des Cockpits nicht direkt wieder hinein gelangt – sollte er den aktuellen Code nicht parat haben. Theoretisch muss er ihn kennen. Allerdings wird er fast nie benötigt.

Es könne durchaus vorkommen, dass der Pilot einen kürzlich geänderten Türcode nicht kennt. Im Falle eines Druckabfalls in der Kabine und dem dann eingeleiteten Sinkflug habe ein ausgesperrter Pilot auch keine Hilfe vom Kabinenpersonal. Denn die Vorschriften forderten in einer solchen Situation, dass die Kabinencrew, ausgestattet mit mobiler Sauerstoffversorgung, den Passagieren Hilfe leistet. Der Pilot sei dann auf sich selbst gestellt, die Tür durch Kontaktaufnahme mit dem im Cockpit befindlichen Piloten zu öffnen oder den Code einzugeben. "Eine solche Tür einzutreten, ist nicht möglich", sagt der befragte Pilot im Gespräch mit ZEIT ONLINE.  

Seit 2003 fordert die internationale Luftfahrtorganisation ICAO, dass in Passagierflugzeugen gepanzerte Türen mit einem verstärkten Rahmen verbaut werden. Sie dürfen sich auch nicht öffnen, wenn auf sie geschossen wird, oder wenn eine Granate explodiert. Die Regel war eine Folge der Anschläge des 11. September 2001. Airbus baut solche Türen bereits seit 2002 in alle seine Flugzeuge ein.

Darf eine Person allein im Cockpit sein?

Bei der Lufthansa ist es Piloten erlaubt, während des Fluges das Cockpit zu verlassen, beispielsweise um auf die Toilette zu gehen. Der Pilot an Bord von Flug 4U9525 habe sich "vorbildlich" verhalten, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr, da er erst aufgestanden sei, als das Flugzeug die Reiseflughöhe erreicht habe. Bei der Lufthansa gebe es im Unterschied zu den USA keine Regel, wonach ihn in dieser Zeit ein anderes Crew-Mitglied im Cockpit vertreten muss.