Die junge Frau war 26, als bei ihr schwarzer Hautkrebs, ein Melanom, festgestellt wurde. Der Tumor hatte bereits Absiedlungen, Metastasen, in der Lunge gebildet. Alle etablierten Therapien hatten versagt. Das war 2001, und die todkranke Frau überlegte, ins Hospiz zu gehen. Ihre statistische Überlebenszeit betrug nur noch Monate. Eher wie der sprichwörtliche Strohhalm erschien in dieser Situation eine neuartige Therapie mit Antikörpern, an deren Erprobung die Patientin teilnehmen konnte.

Und das Wunder geschah. Eine einzige Injektion mit dem Medikament genügte, um die Metastasen verschwinden zu lassen. Für immer. "Ein paar Jahre später zeigte sie mir Fotos von ihrem ersten Baby", berichtet James Allison. Auf den texanischen Biologen, der am M.-D.-Anderson-Krebszentrum in Houston forscht, geht die Antikörper-Behandlung zurück.

Mehr als nur Einzelerfolge

Seit der Erfolg seiner Therapie unabweisbar ist, wird Allison, 66, mit Wissenschaftspreisen überhäuft. Am Wochenende wurde er in Frankfurt am Main mit dem Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis ausgezeichnet, gemeinsam mit seinem Kollegen Carl June von der Universität Pennsylvania, der eine Impfung gegen Krebs entwickelt hat.

Von untersetzter Statur, mit stoppeligem Bart und texanischem Slang wirkt Allison auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein strahlender Erneuerer der Krebsmedizin. Aber dieser Eindruck täuscht. Die von ihm begründete Therapie könnte sich als umso folgenreicher erweisen, weil sie den Tumor nicht direkt angeht, sondern stattdessen dem Immunsystem hilft, Krebs besser zu bekämpfen: eine Revolution durch die Hintertür.

"Es gibt viele Geschichten wie diese", sagt Allison über die Frau mit dem Melanom. Dennoch, in der Wissenschaft zählt der einzelne Fall wenig. An das Wunderbare grenzende Heilungen hatten Krebstherapeuten bereits früher immer mal wieder hervorgerufen. Aber es blieben Anekdoten und Episoden, etwas, was die Medizin "Kasuistik" nennt und was in der Wissenschaft nicht hoch im Kurs steht.

Jeder fünfte Patient auf Dauer geheilt

Allison weiß das natürlich, so sehr ihn die Einzelschicksale, über die er berichtet, auch am Herzen liegen. Deshalb ist das andere, über das er in jedem Vortrag spricht, der "Schwanz". Das ist das nach rechts hinauslaufende Ende einer statistischen Überlebenskurve von Krebspatienten. Bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom fällt sie steil ab, um spätestens nach wenigen Jahren die X-Achse zu erreichen. Das bedeutet: null Überlebende.

Ipilimumab, so heißt der von Allison entwickelte Wirkstoff, hat den "Schwanz" weit über die Null-Linie gehoben. Jeder fünfte Patient mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs wird auf Dauer geheilt. Und das ist erst der Anfang. Fügt man einen ähnlichen Wirkstoff hinzu, lassen sich die Überlebensraten möglicherweise weiter steigern. Ipilimumab ist ein gentechnisch hergestellter Antikörper. Die sind so etwas wie "Lenkwaffen" der Körperabwehr. Zielgenau heften sich die Y-förmigen Antikörper an Bestandteile von Eiweißmolekülen.

Die Idee, Krebs mithilfe des körpereigenen Immunsystems zu behandeln, ist alt. 1866 war dem Bonner Chirurgen Wilhelm Busch aufgefallen, dass eine Infektion bei einer Patientin dazu führte, dass sich ihr Krebs zurückbildete. Offenbar hatten mit Krankheitskeime die Körperabwehr aufgeweckt und dazu animiert, gegen den Tumor vorzugehen. Anfang des 20. Jahrhunderts spekulierte Paul Ehrlich, Begründer der Immunforschung, darüber, dass ständig neue Krebsnester im Körper entstehen, aber so gut wie immer von den Immunzellen beseitigt werden, bevor sie zum Problem werden.