Von Ihrer Mutter mögen Sie die Augenfarbe geerbt haben, vielleicht Ihren Sinn für Humor und natürlich die Hälfte Ihrer DNA. Doch eine spezielle Erbschaft ist zu Unrecht kaum bekannt: Unter den 100 Billionen Zellen Ihres Körpers finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch solche, die direkt von Ihrer Mutter stammen. Und auch das Gegenteil ist der Fall: Vermutlich hat jeder von uns seiner Mutter noch im Mutterleib ein paar eigene Zellen vermacht, die dort seit Jahrzehnten ein Eigenleben führen.

Als Wissenschaftler im Jahr 1979 auf dieses Phänomen aufmerksam wurden, glaubten sie noch an eine seltene Laune der Natur. Dass in Gewebeproben einer Frau männliche Zellen auftauchten, war reichlich unerklärlich: Woher sollten solche Eindringlinge stammen? Mit einem Fachaufsatz machten sie die Sache bekannt. Doch kaum jemand ging auf ihre Frage ein.

Erst in den 1990er Jahren bekam das Phänomen neuen Aufwind, ein neuer Forschungszweig wurde gegründet – und das Ding mit einem Namen versehen: Mikrochimärismus. Der Begriff leitet sich ab von der griechischen Chimäre, einem Fabelwesen mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz. Auf der Mikroebene der Zellen bedeutet das: Wir sind alle Mischwesen aus Mutter und Kind.

Die fremden Zellen machen sich bemerkbar

Und das hat Folgen. J. Lee Nelson vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle ist Mikrochimärismus-Forscherin der ersten Stunde und erinnert sich noch genau, wie ihr die Tragweite des Themas bewusst wurde: "Ein Kollege in Seattle versuchte 1994, kindliche Zellen im Blut von Müttern nachzuweisen. Als er mir erzählte, dass er im Blut einer Laborassistentin Zellen ihres einjährigen Sohnes gefunden hatte, war das ein richtiger Aha-Moment für mich." Für die Rheumatologin fügten sich in diesem Moment zwei entscheidende Puzzlesteine zusammen. Wenn sich die kindlichen Zellen dauerhaft im Körper der Mutter einnisten, dann könnten sie dort auch Unheil anrichten. Und wenn bestimmte Autoimmunerkrankungen, wie die Bindegewebsverhärtung Sklerodermie beispielsweise, gehäuft bei Frauen im gebärfähigen Alter auftreten, dann könnte es einen Zusammenhang mit den kindlichen Zellen geben. Mit dieser Überlegung begann für J. Lee Nelson eine bis heute andauernde Suche nach den Ursachen und den Auswirkungen von Mikrochimärismus.

Andere Wissenschaftler haben sich ihr angeschlossen. Experten verschiedenster Disziplinen forschen inzwischen an den eingewanderten Zellen. Die Annahme: Mikrochimärismus wirkt sich auf unterschiedlichste Krankheiten aus – ob Krebs, Autoimmunerkrankungen oder Herzinfarkte. Dabei beschäftigen die Wissenschaftler drei große Kernfragen: Wie schaffen es die Zellen vom einen Körper in den anderen? Warum überleben sie in der fremden Umgebung? Und was bedeutet ihre Anwesenheit für den Organismus?

Quer durch die unüberwindbare Schranke

Aus der Transplantationsmedizin weiß man, wie schwierig es ist, den Körper dazu zu bringen, ein fremdes Organ zu akzeptieren. Umso problematischer die Schwangerschaft: Hier wächst gleich ein ganzer Mensch im Körper einer Frau heran. Das ist nur möglich, weil die beiden Organismen von Mutter und Kind strikt separiert sind. Die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, trennt den Blutkreislauf der beiden, nur kleinste Partikel wie Nährstoffe, Sauerstoff oder einige Medikamente können die Schranke passieren. So steht es in jedem Biologiebuch. Aber wie passt der Austausch ganzer Zellen zwischen Mutter und Kind in dieses Bild? Im Laufe der Zeit haben Forscher einige Modelle entwickelt, die das Eindringen der Zellen in den fremden Körper erklären könnten.

Unterstützung für ihre These fanden die Forscher in einer weiteren Besonderheit des Zelltransfers: Vieles spricht dafür, dass auch Stammzellen den Sprung in den mütterlichen Körper schaffen. Diese kommen vielleicht gar nicht aus dem Körper des Embryos, sondern aus dem Gewebe, das die kindliche Seite der Plazenta auskleidet. Man nennt diese Zellart Trophoblasten. Sie wandern am Anfang der Schwangerschaft in die Gebärmutterschleimhaut ein und verankern dort den Mutterkuchen. Später bilden sie dann die äußerste Schicht der Plazentaschranke. Möglich, dass sie nicht nur in die Gebärmutterschleimhaut der Mutter wandern können, sondern auch weiter in den Rest des Körpers.