Wie gefährlich wird das orientierungslose Ungetüm? Erst sollten seine Überreste nahe Kuba niedergehen, nun tippt die russische Weltraumbehörde Roskosmos auf den Pazifik bei Neuseeland: Seit Tagen werden immer neue Prognosen bekannt, wann und wo die Trümmer des abstürzenden Raumfrachters Progress M-27M niedergehen werden. Der unbemannte Frachter sollte ursprünglich Lebensmittel, technisches Gerät sowie Post und Geschenke für die Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS bringen, war jedoch auf dem Weg dorthin vor ein paar Tagen außer Kontrolle geraten.

Es sei unmöglich, Tage im Voraus Ort und Zeitpunkt des Absturzes genau zu bestimmen, sagt Holger Krag von der Europäischen Weltraumbehörde Esa: "Bei einer Unsicherheit von einem Tag bringt eine Angabe auf die Minute genau gar nichts." So war zunächst die Rede davon gewesen, der Frachter werde am kommenden Samstag um 9:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit verglühen. Nun geht die russische Weltraumagentur Roskosmos davon aus, dass Progress bereits am Freitag zwischen 00.23 Uhr und 20.55 Uhr in die finale Absturzphase eintreten wird.

In dieser Phase wird der Frachter eine Höhe von etwa 80 Kilometern erreichen und sich durch die Reibung mit der dichter werdenden Atmosphäre stark erhitzen. Ein Großteil des Frachters wird verglühen, aber etwa ein Viertel seiner Masse – also fast zwei Tonnen – könnte den Wiedereintritt überleben. Vor allem Bestandteile aus Edelstahl oder Titan könnten so mit 200 bis 300 Kilometern pro Stunde auf die Erde prallen. Nur wo?

"Der Frachter bewegt sich derzeit mit 27.000 Kilometern pro Stunde und umrundet die Erde am Tag 16-mal", sagt Krag. Dabei bremse ihn die Erdatmosphäre kontinuierlich ab und sorge somit dafür, dass der Frachter sich immer weiter Richtung Erdoberfläche spiralt. Wie genau der Frachter sich gen Erde bewegt, hänge vor allem von den Veränderungen in der Atmosphäre ab. Die aber seien nicht so gut verstanden, als dass man genaue Vorhersagen machen könne.

"Momentan können die Überreste noch in allen Erdregionen zwischen 51 Grad Nord und 51 Grad Süd niedergehen", sagt Krag. "Wenn wir Glück haben, können wir vielleicht ein paar Stunden vorher sagen, dass bestimmte Kontinente ausgeschlossen sind. Aber mehr nicht."

Was für den Laien beunruhigend klingt, lässt den Raumfahrt-Experten kalt: "Die Erde ist nicht so dicht bevölkert, dass man befürchten muss, dass man getroffen wird. Zumal ja auch drei Viertel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind." Es sei auch extrem unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Deutschland getroffen werde, da es im Vergleich zu dem gesamten möglichen Absturzgebiet sehr klein ist.

Die Überreste des Frachters werden auch nicht zentral an einem Ort vom Himmel fallen, sagt Krag: "Die Trümmer werden sich über eine Strecke von etwa 1.000 Kilometern verteilen." Allerdings werde dieser Bereich nicht mit Raumschiffschrott vollgepflastert sein. "Die Zahl der Fragmente wird sich an wenigen Händen abzählen lassen, sodass man lediglich alle 50 bis 100 Kilometer eins hat."