"Keine Kita ist vor sexuellen Übergriffen unter Kindern geschützt" – Seite 1

ZEIT ONLINE: An einer katholischen Kita in Mainz soll es zu schwerer sexueller Gewalt, Übergriffen und Erpressung unter 53 Kindern gekommen sein – offenbar über einen längeren Zeitraum. Laut der Staatsanwaltschaft sollen Kinder andere Kinder unter anderem genötigt haben, ihre Geschlechtsteile zu zeigen oder Gegenstände in den Anus einzuführen. Auch kam es zu Drohungen und Körperverletzungen. Die Einrichtung ist nun geschlossen, den Mitarbeitern der Kita wurde fristlos gekündigt. Sie sollen ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Frau Freund, wie wahrscheinlich ist es, dass auch kleine Kinder sexuelle Übergriffe durch andere Kinder erfahren?

Ulli Freund: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß. Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind keinesfalls die Ausnahme. Dass einem Kind die Windel runtergezogen oder der Rock hochgehoben wird oder Kinder sich gegen den Willen eines Einzelnen in die Toilette drängen, um ihn beim Wasserlassen zu beobachten – diese Dinge geschehen permanent. Keine Kita ist davor geschützt. Hier fängt sexualisierte Gewalt unter Kindern an. Es ist allerdings falsch, in diesen Fällen von sexuellem Missbrauch zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Freund: Sexueller Missbrauch ist ein Begriff aus dem Strafrecht und reserviert für Fälle, in denen ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis vorhanden ist – etwa zwischen Erwachsenen und Kindern oder in einem Schutzbefohlenenverhältnis. Dass der Begriff benutzt wird, um sexualisierte Gewalt unter Kindern zu beschreiben, ärgert mich, weil es die Sache unnötig skandalisiert.

ZEIT ONLINE: Seit Bekanntwerden der großen Missbrauchsfälle wird öffentlich mehr und offener über sexualisierte Gewalt gesprochen. Findet diese unter Kindern bzw. Jugendlichen statt, ist das in der Öffentlichkeit immer noch ein Tabuthema. Können Sie das erklären?

Freund: Man muss nicht lange darüber diskutieren, dass Erwachsene keine Sexualität mit Kindern ausüben dürfen. Zwischen Kindern hingegen gibt es Doktorspiele, zwischen Jugendlichen gibt es erste sexuelle Kontakte. Das ist alles legitim. Davon die nichtlegitimen Formen abzugrenzen, die Grenze zur Gewalt herauszuarbeiten, das ist eine relativ komplizierte Angelegenheit und macht viel mehr Mühe, als sexuellen Missbrauch zu definieren.

ZEIT ONLINE: Wir wissen heute immer noch nicht allzu viel über die kindliche Sexualität, doch immerhin, dass es eine solche gibt. An welchem Punkt wird die harmlose Ebene kindlicher Doktorspiele verlassen, wann muss man von Übergriffen sprechen?

Freund: Unter Doktorspiele fällt all das, was Kinder freiwillig machen. Von einem Übergriff ist dann zu sprechen, wenn Kinder weitermachen, obwohl einer gar nicht mehr mitmachen will. Sobald sich ein Machtgefälle abbildet, ist man im Bereich der sexualisierten Gewalt.

ZEIT ONLINE: In Zusammenhang mit Doktorspielen empfehlen Einrichtungen, klare Regeln festzulegen. Ein Bestandteil ist die Freiwilligkeit aller beteiligten Kinder – wie lässt sich diese denn bei Dreijährigen sicherstellen?

Freund: Wenn ein Dreijähriger Ja sagt, muss das in der Tat nicht heißen, dass er das auch wirklich so meint. Mit dem vermeintlichen Ja kann auch etwas ganz anderes verbunden sein: die Aussicht auf ein Geschenk oder eine Geburtstagseinladung etwa. Diese Mittel der Manipulation gehören zum Verhalten übergriffiger Kinder. Dazu gehören auch Angst machen und Schläge androhen, was in der Mainzer Kita offenbar eine große Rolle gespielt hat. Wenn ein Sechsjähriger mit einem Dreijährigen Doktorspiele macht, dann ist da ein Machtgefälle. Da muss eine Erzieherin oder ein Erzieher einschreiten. Es gilt sehr genau zu beobachten, ob die Kinder auf Augenhöhe agieren.

"Das Risiko ist besonders groß, wenn Sexualität nicht angemessen thematisiert wird"

ZEIT ONLINE: Übergriffige sexuelle Handlungen unter Kindern deuten nicht unbedingt daraufhin, dass die handelnden Kinder selbst sexuelle Gewalterfahrungen, etwa im Elternhaus, gemacht haben. Welche anderen Ursachen gibt es? 

Freund: Die meisten Fälle, die ich beraten habe, hatten keinen schwerwiegenden Hintergrund in dieser Hinsicht. Es sind oft Kinder, die sich anderer ermächtigen, über andere bestimmen wollen. Diese übergriffigen Kinder stellen schnell fest, dass sie im Bereich der Sexualität ihren Willen besonders leicht umsetzen können. Es ist ein geheimnisumwobener Bereich; betroffene Kinder erzählen es den Erwachsenen kaum, wenn da etwas passiert ist. Es gibt natürlich auch Kinder, die selbsterlittene Gewalterfahrungen ausagieren – aber das ist kein 1:1-Verhältnis.

ZEIT ONLINE: Welche Umstände innerhalb einer Institution begünstigen sexuelle Übergriffe unter Kindern?

Freund: Das Risiko, Ort sexualisierter Gewalt zwischen Kindern zu werden, ist besonders groß, wenn Sexualität nicht angemessen thematisiert wird. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass ihr Interesse am Körper, an den Geschlechtsteilen etwas Schlechtes ist. Die Kinder gehen diesem Interesse dann heimlich nach. Wenn dann etwas gegen ihren Willen geschieht, sind sie gehemmt, sich bei den Erzieherinnen und Erziehern zu beschweren, denn sie haben ja selbst mitgemacht bei dieser "verbotenen Sache". Die Kita sollte sexuelles Interesse grundsätzlich erlauben, aber auch im Gespräch mit den Kindern thematisieren.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Bagatellisierung von Vorfällen, etwa aus Scham oder Hilflosigkeit?

Freund: Hinter dem Wegschauen steht oftmals die Angst, das Falsche zu tun: Bekomme ich Ärger mit dem Träger, der Kirche, den Eltern? Steht morgen die Presse in der Kita? Dann schaut man lieber weg. Viele Erzieherinnen und Erzieher sind in ihrer Ausbildung auf das Thema sexualisierte Gewalt unter Kindern nicht vorbereitet worden.

ZEIT ONLINE: Was ist in der Präventionsarbeit in der Institution wichtig?

Freund: Die Träger müssen sich bewusst machen, dass sexualisierte Gewalt unter Kindern zum Alltag gehört. Wo man es nicht für unmöglich hält, dass so etwas passiert, kann man unaufgeregt mit einem guten Konzept reagieren. In Mainz wirkt es ein bisschen so, als sei man vollkommen überrascht worden. Die Bistümer schulen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwar seit den großen Missbrauchsskandalen im Bereich der Prävention sexuellen Missbrauchs, das Thema sexualisierte Gewalt unter Kindern wird aber noch nachrangig behandelt.

ZEIT ONLINE: Wie kann man Kinder schützen?

Freund: Die Themen aus der Präventionsarbeit zu sexuellem Missbrauch greifen auch in der Prävention sexualisierter Gewalt unter Kindern: Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Wissen, dass Zwang Unrecht ist. Sich auf sein Gefühl zu verlassen und die Sicherheit, dass man auch über schlechte Geheimnisse reden darf. Das sind die Botschaften, die die Kinder erlernen müssen – in der Kita aber natürlich auch im Elternhaus.

ZEIT ONLINE: Welche Chance auf Rehabilitation hat eine Institution, in der massive sexualisierte Gewalt stattgefunden hat?

Freund: Die Leitung muss Verantwortung dafür übernehmen, dass zu lange weggeschaut und fachlich nicht angemessen reagiert wurde. Sie muss sich mit dem Team gemeinsam um Fachwissen, um Fortbildung zum Thema bemühen und ein sexualpädagogisches Konzept erstellen. In dem muss drinstehen, wie die Kita mit dem Thema kindliche Sexualität umgeht, was Kinder dürfen und was nicht. Dann hat eine Institution verdient, dass man ihr wieder vertraut. Es ist allerdings sehr schwierig, das Vertrauen von Eltern zurückzugewinnen, deren Kinder in dieser Institution nicht geschützt wurden.