Als Nobelpreisträger in privilegierter Position sollte Hunt sich seiner Verantwortung bewusst sein. Was er sagt, hat eine politische Wirkung, dazu zählen auch vermeintliche Witze. Und so reproduziert und verfestigt er mit seiner Aussage althergebrachte Bilder und Vorurteile, die es immer noch zu Hauf gibt. Während meines Studiums erzählte man sich etwa von einem unserer Chemieprofessoren, er habe in einer Prüfung vier Kreise auf ein Blatt gemalt und die zu prüfende Studentin gefragt: "Was ist das?" Als die Frau ratlos reagierte, soll er gesagt haben: "Das sind die vier Kochplatten eines Herdes und an den gehen Sie jetzt besser zurück." Ob die Geschichte stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Doch fast jede Wissenschaftlerin, die ich kenne, weiß eine ähnliche Anekdote zu erzählen.

Den allermeisten Männern in der Wissenschaft unterstelle ich keinerlei Huntsches Gedankengut. Im Physikstudium habe ich mit sehr vielen Männern zu tun gehabt, sowohl Kommilitonen als auch Lehrenden, und die Zusammenarbeit mit ihnen als sehr angenehm und produktiv empfunden. Ich persönlich habe mich nie diskriminiert, belästigt oder benachteiligt gefühlt – zum Glück, denn ich kenne einige Frauen, denen solches an der Universität passiert ist.

Zustimmung hinter vorgehaltener Hand

Denn es gibt sie halt doch nicht allzu selten, die Hunts in der Wissenschaft und jene, die hinter vorgehaltener Hand sagen, dass er ja schon ein kleines bisschen recht hat, dass man das bloß nicht laut sagen dürfe. Neben jenen Männern sind es aber vor allem die Strukturen des Wissenschaftsbetriebs selbst, die dafür sorgen, dass auf jeder Stufe der Karriereleiter mehr Frauen aus der Wissenschaft verschwinden. Noch immer dominiert die Vorstellung vom allzeit verfügbaren und mobilen Wissenschaftler, einem Modell, dass historisch geprägt ist vom berufstätigen Mann und der ihn umsorgenden Hausfrau. Und wo die Anzahl der Publikationen bis heute die stärkste – fragwürdige – Währung ist, bleibt nach wie vor benachteiligt, wer aufgrund von Mutterschutz oder Elternzeit nicht am Fließband Ergebnisse veröffentlichen kann.

Es ist kein Problem, das die Wissenschaft für sich gepachtet hat. Ähnliche Mechanismen gibt es in vielen Berufszweigen, auch im Journalismus: Erst kürzlich erzählte eine Kollegin, sie sei direkt nach ihrer Einstellung als Redakteurin zum Chef beordert worden mit der Frage, ob sie plane, in nächster Zeit Kinder zu bekommen. In dem Fall könne er sie nämlich mit bestimmten Geschichten leider nicht beauftragen.

In der Öffentlichkeit würde jener Redakteur seine Personalplanung vermutlich nicht zugeben. Doch derlei Gedankengänge sind so weit verbreitet, dass wir darüber sprechen müssen. Auftritte wie die von Hunt sind eine Sache, was aber in den Köpfen männlicher und weiblicher Entscheidungsträger vorgeht, sollte uns mindestens ebenso sehr beschäftigen. Über diese Vorstellungen müssen wir debattieren und darüber, wie in der Wissenschaft – und anderswo – Arbeitsmodelle und eine Arbeitskultur geschaffen werden können, die Männern und Frauen gleichermaßen erlauben, je nach Wunsch Karriere, Familie oder eben beides zu haben.

Update: Am 18. Juli 2015 veröffentlichte The Times einen Audiomitschnitt, in dem die letzten Worte der Rede von Tim Hunt zu hören sind, gefolgt von Gelächter und Applaus. Die russische Wissenschaftsjournalistin Natalia Demina, die auf der Veranstaltung war, hat die Audio-Datei zur Verfügung gestellt. Eine kostenlose Version finden Sie hier. Der Mitschnitt ändert jedoch nicht die Auffassung der Autorin, dass die Aussage von Tim Hunt auch als Scherz ein Ausdruck von Sexismus und somit kritikwürdig ist.